Montag, 13. Januar 2014

Schweinfurt. Matinee mit Nora Gomringer.

Nur durch einen Zufall wurde ich auf Nora Gomringer aufmerksam. Hat einer der Ironblogger Frankens darüber berichtet? Ich weiß es nicht mehr. Ich fand das, was sie machte, interessant. Anfang Januar informierte sie jedenfalls darüber, dass sie in Schweinfurt lesen würde, im Museum Georg Schäfer. Das wollte ich ohnehin besuchen, seit ich im Sommer die Ausstellung Main und Meer in Schweinfurt sah und an diesem Museum vorbeifuhr. Nur war damals eben keine Zeit dafür. 
Aber jetzt.
Sonntagmorgen, klar, zur Matinee, das ist früh am Morgen, da steht ohnehin noch niemand auf. Außerdem fiel ich auf einen meiner Lieblingsirrtümer herein: Immer, wenn ich etwas gerade neu entdecke, dann denke ich, das gibt es erst ab jetzt. Ich nehme schlicht und einfach nicht zur Kenntnis, dass etwas existieren könnte, bevor ich selber davon weiß. Deswegen war ich schlicht erstaunt, wie viele Menschen bereits in dieser Stadt am gefühlten Rand des Universums bereits unterwegs waren. Und die wollten alle - richtig - zur Lesung. Ups. 
Ich hatte keine Karten reserviert, so was ist doch nicht nötig, wenn ich etwas gerade neu...
Ich stand in der Schlange. Und wartete.
Die beiden Menschen, die an der Kasse bedienten, nahmen sich genügend Zeit für alle vor mir. Schien es. 
"Hat noch jemand eine Karte reserviert?" rief einer der Mitarbeiter laut zu der Reihe der noch Wartenden.
Ein Drucker ratterte und druckte weitere Eintrittskarten.
"Hier ist noch ein Platz", weist mich ein netter Herr auf einen noch freien Stuhl mitten in der vorletzten Reihe hin. Sehr schön, so habe ich wenigstens einen Blick auf die Bühne, auf der Nora Gomringer sitzt und liest. Nein, liest ist der falsche Ausdruck dafür, doch dazu später. 
Die Seitenwände des Raumes sind geöffnet, so können die poetischen Worte sich zwischen den tiefen Holzpaneelen bis in den angrenzenden Raum robben. Auch dort sitzen Menschen, wollen hören und lauschen, nur die Bühne ist von dort aus nicht zu sehen. Aber ist das bei einer Lesung nicht egal? Es zählen doch die Töne, es wird vorgelesen, und der Schall schleicht sich um Ecken und Kanten, Hauptsache, es ist keine Tür dazwischen. 
Doch wer nicht sehen kann, verpasst bei Nora Gomringer etwas ganz Entscheidendes: Hier verhilft die Gestik und die Mimik den Worten zu einer Bedeutung, die über diese selbst hinausweist. Oder vielmehr: Diese eindeutig macht. So ausdrucksvoll, wie sie gedacht sind, werden sie gelesen. Rhythmus, Geschwindig- oder Langsamkeit - das, was die Worte an und für sich bereits benennen, bekommt durch das auch-so-gelesen-werden noch eine extra Portion an Klarheit. 
Es war ein Schauspiel, ein Spiel zum Schauen und Hören, und war Lyrik bisher etwas, was ich unter verquaster und verdrehter Gedankensprünge meist toter Dichter subsummierte, hat mich diese Matinee davon überzeugt, dass es jenseits von Grass und Goethe auch Lyrik gibt, die lebendig ist. Und vergnüglich. 
Danke dafür.