Dienstag, 23. September 2014

Im Moment

habe ich nur wenig Zeit. Deswegen ist es hier noch ruhiger, als sonst. Im Moment lese und übertrage ich die Briefe, die mein Opa vor gut siebzig Jahren an meine Oma geschrieben hat, als er Soldat und in Russland war. Nicht freiwillig. Hier sind die Briefe zu lesen, so, wie ich sie aus dem Sütterlin in Deutsch übertrage:

http://www.jaellekatz.de/

Freitag, 5. September 2014

Intermezzo --- ein kleiner Ausflug

Ein kleiner Ausflug
am Wochenende
in den Nationalpark Hainich.

Bis später.

Sonntag, 31. August 2014

Reise nach Kappadokien - 15: Das Studium der Teppichwissenschaft

Es war jeden Sommer das gleiche Drama: Irgendwann fing der Teppich an zu leben. Wer mit nackten Füßen und bloßen Beinen auf den Teppich kam, hatte schnell schwarze Punkte an den Beinen. Die Flöhe, die von den Katzen ins Haus getragen worden waren, wollten Blut. Nur die Katzen waren fern und trieben sich lieber draußen herum. Also nahmen die Flöhe, was sie kriegen konnten.
Das ist ein Grund, warum ich so froh darüber bin, dass in der jetzigen Wohnung Parkett liegt.

So wird die Knotendichte vom Teppich berechnet
Cankut Yilmaz, Besitzer der Teppichfabrik, hält einen Seidenkokon in der Hand und lässt diesen an seinem Faden ein Stückchen herunter. Der Faden ist nicht zu sehen. Würde dieser anderthalb Kilometern lang sein, wäre er gerade ein einziges Gramm schwer. Von solchen Fädchen passen immerhin 400 Knoten auf einen Quadratzentimeter Seidenteppich. Das ist ein Zentimeter mal ein Zentimeter.
(Ich würde für die 400 Knoten eine Ewigkeit brauchen, wenn ich das knüpfen müsste)


Wir sollen uns das Nomadenleben vorstellen.
Die Knüpferinnen sitzen gebeugt über ihren Teppichen und die Kettfäden sirren leise, wenn die Frauen jeweils einen hinteren und einen vorderen mit dem bunten Faden verknüpfen, diesen dann mit dem Messer in der rechten Hand abschneiden. Mit einer großen Schere wird ab und an der Flor so weit gekürzt, dass nur drei Millimeter übrig bleiben. 

"Meine Künstlerinnen", nennt Yilmaz sie, "mein Rembrandt und mein Van Gogh" und zählt auf, was sie von ihm bekommen, wenn sie einen Teppich fertig stellen. Inzwischen sei das Knüpfen von Teppichen in der Türkei ein Ausbildungsberuf, erzählt er. Wenn gerade hier, im Hinterland, dort, wo sonst nichts ist, die Frauen eine Ausbildung bekämen, dann heirateten sie nicht ganz so jung und bekämen auch erst später ihre Kinder. Bildung habe hier mehr Wert, als Reichtum: Wo sich die Wirtschaft entwickeln könne und die Menschen Berufe erlernen, mit denen sie ihr Geld verdienen können, dort gäbe es keinen Terrorismus, vermutet Yilmaz. 

Er holt ein altes Buch aus einem Koffer, zieht sich vorher weiße Handschuhe an: "Der Koran der Teppichkunde!", blättert in dem Buch, das vor fast 100 Jahren gedruckt wurde und schwärmt vom Kaiser Wilhelm II. Der ist zwar schon eine Weile tot, bekam aber von seinem Kumpel Mehmet II. alte Teppiche, die sich seitdem im Bodemuseum in Berlin befinden. 

Ein Korb mit Wolle. Vom Schaf.
Sechs junge Männer kommen, stellen sich in einer Reihe auf und werden von Yilmaz vorgestellt, ihre Frauen, Mütter und Schwestern seien alles Knüpferinnen, die zum Einkommen in der Familie beitragen. Er will Dinge richtig stellen, die von den Medien falsch berichtet würden, sagt er und erklärt weiter, dass das, was uns aufdringlich erscheine, wenn wir in türkischen Läden einkaufen wollten, einfach nur ein kultureller Unterschied sei: Sie - die Türken - seien nicht aufdringlich, sie seien nur fleißig und wollten bedienen. 

Mir jedoch ist das blanke Parkett lieber, als so ein Flohbunker, ob echt von Hand oder mit der Maschine geknüpft. Deswegen schaue ich mich zwar ein wenig um, bewundere die Teppiche, die überall an den Wänden hängen und setze mich auf einen Tee und warte, dass der Reisebus uns wieder abholt. 




Sonntag, 24. August 2014

Reise nach Kappadokien 14 - Die Drei Schönen

Längst waren alle Saurier auf der Erde gestorben und bis auf die Knochen abgenagt, die später von den Menschen wieder aus der Erde gebuddelt werden sollten. Säbelzahntiger jagten hinter Rüsseltieren her, katzengroße Pferdchen grasten auf weiten Wiesen. Wenn es je ein Paradies gab, dann war es vielleicht hier zu finden, es gab weder Kriege noch Umweltverschmutzungen, weil noch kein Mensch die Welt bevölkerte. Doch schon damals lag neben dem Paradies die Hölle nebenan: Hier waren es die drei Vulkane Erciyes Dağı, Hasan Dağı und Melendiz Dağı, wie sie später genannt wurden. 

der erloschene Vulkan ist heute von Schnee bedeckt
Ob sich die Vulkanausbrüche mit Rauchzeichen oder kleineren Erdbeben ankündigten, so dass die Tiere fliehen konnten? Es waren heiße Zeiten: Regelmäßig spuckten die drei Vulkane unvorstellbare Mengen an Lava und Asche über Kappadokien. War die heiße Asche kühl, wuchsen rasch wieder neue Wiesen, auf denen Tiere grasten, die nichts von der heißen Hölle ahnten. 




Immer wieder spuckten die Vulkane Magma, ließen Asche und Lava über die Landschaft regnen. Aus dem heißen Ascheregen bildete sich Tuff, der immer dann entsteht, wenn das flüssige Magma nicht als glühender Strom aus dem Vulkan fließt, sondern mit hoher Wucht aus dem Krater geschleudert wird. Dabei zerstäubt alles zu staubfeinen bis faustgroßen Brocken, die als glühender Regen auf die Erde fallen. Viele Meter hoch legte sich die Vulkanasche über das Land. In den Tälern, die tief in das märchenhafte Land eingeschnitten sind, lässt sich ahnen, wie hoch einst die Erde von heißer Asche bedeckt war. 

Eine märchenhafte Landschaft aus Vulkanasche
Manchmal schleuderten die Vulkane auch größere Brocken, die sich überall verteilten: Heute bilden diese die kleinen Mützchen auf den einzelnen Stelen. Im Hintergrund des Panoramas ragt der Erciyes Dağı achtungsvoll mit einer kalten Schneehaube empor, wie ein weiser Alter. An seine stürmische Jugendzeit erinnern dagegen die drei Schönen, die im Vordergrund stehen: 




Die Drei Schönen
Drei hohe Säulen aus Tuffstein sind mit einem Deckstein bedeckt. Sie wirken wie grob geschnitzte Figuren aus einem Riesentheater, stumme Zeugen einer heißen Vergangenheit, die in Jahrmillionen von Wind, Regen, Hitze, Kälte oder Sturm aus dem Stein geschaffen wurden. Dank der Kappe, die aus einem härteren Material besteht, wurden sie vor der Erosion geschützt. 

Immer noch wirken Wind und Wasser an den Steinen, schmirgeln Körnchen für Körnchen heraus, lassen alte Feenkamine einstürzen und legen an anderen Stellen neue frei. Manche sind über siebzig Meter hoch, und damit höher, als ein Riesenrad. Andere sind etwas kleiner. Manche sind spargeldünn, andere zwanzig Meter stark. Schroffe Falten liegen neben spitzen Felsnadeln. In manche dieser Schluchten kann man ein Stück weit hineingehen, bevor die Felswände so dicht aufeinanderrücken, dass kein Durchkommen mehr möglich ist. 
Das letzte Mal brach der Hasan Dagi übrigens vor rund 9000 Jahren aus. Das ist fast wie vorgestern, so erdgeschichtlich gesehen. 




Sonntag, 3. August 2014

Reise nach Kappadokien: Eine kulinarische Reminiszenz

In einem guten Urlaub spielt gutes Essen eine wesentliche Rolle: Endlich brauche ich nicht selbst zu kochen und kann aus einer riesigen Menge an gebotenen Leckerbissen am Büffet wählen. So reichhaltig ist der Kühl- und Vorratsschrank zu Hause nicht bestückt, schon allein, weil wir selbst zu dritt nicht so viel futtern könnten, auf dass nichts weggeworfen werden muss. 
Die Qualität der Büffets in den einzelnen Hotels war auf dieser Reise durchaus unterschiedlich. In dem ersten Hotel, welches in einer Anlage in Alanya war, war es ziemlich reichhaltig und ganz gut, aber eher noch naja. Das zweite Hotelbüffet, in Kappadokien, war zwar nicht ganz so reichhaltig, dafür aber superlecker und das dritte in Antalya war so miserabel, dass selbst der angebotene Pudding schon mit dicken Falten auf der Haut zeigte, dass ihn keiner wollte. 
Zu Hause angekommen, ist es immer wieder nett, Gerichte nachzukochen, die ich in der Erinnerung habe. Es gibt zwar Kochbücher und Rezeptsammlungen im Internet, die nehme ich immer gerne als Anregung, um die darin enthaltenen Gerichte so abzuwandeln, dass es wieder so schmeckt, wie in meiner Erinnerung. 
Seit im Gewächshaus die Gurken himmelhoch wachsen und so viele Früchte liefern, dass wir uns damit auf den Markt stellen könnten, ist Abwechslung beim Gurkensalat Pflicht. Einen Gurkensalat in Joghurtsauce gab es in einem Hotel. Also nehme ich:

Gurkensalat in Jogurtsauce

- zwei Gurken
- 1/2 Liter Jogurt
- 1 Eßlöffel Olivenöl
- Knoblauchzehen: Hier kann jeder selbst ausprobieren, wie scharf er es mag. 
- Dill und Minze







Weil die Gurken ungespritzt sind, schneide ich nur ganz dünn die Schale dort weg, wo sie etwas dicker und knubbeliger ist, teile sie längs in vier Viertel und würfele sie. Unsere Gurken sind ziemlich fest, und enthalten relativ wenig Wasser, deswegen spare ich mir einen Arbeitsgang. Wer jedoch gekaufte Gurken nimmt, sollte die Stücken salzen und ein wenig abtropfen lassen. Sonst wird der Salat ziemlich wässerig. Knoblauchzehen schälen und zerdrücken, Gurkenstücke und Jogurt und die Gewürze mischen, fertig. Hinterher hab ich noch groben gemahlenen Pfeffer über die einzelnen Portionen gestreut, das wars. 

Dazu gab es gekauftes Fladenbrot und 

Türkische Frikadellen

- 300 g Weizengrieß
- 1 Zwiebel
- 3 Knoblauchzehen
- Gemüsebrühe
- Paprikamark
- Paprikapulver
- 500 g Rinderhackfleisch
- glatte Petersilie





Den Weizengrieß in Gemüsebrühe kochen, so dass er mittelmäßig fest wird, wie Brei (nicht ganz so fest, dass sich die Nocken für Suppe ausstechen lassen). Grieß, Zwiebeln, Knoblauch, Paprikamark und Paprikapulver miteinander in einer Schüssel vermengen, das Hackfleisch dazu und alles zu einem Teig kneten. (Bisher kannte ich Rinderhackfleisch nur als eine krümelige Masse, die sich nur widerwillig formen ließ und gerne immer auseinanderbröselte. Mit dem Grieß dazwischen hielt alles besser zusammen, als mit der Ei-und-Semmelbröselvariante). Petersilie hacken und untermengen, den Teig zu Fleischbällchen formen und braten. 

Alles hat sehr gut geschmeckt - und am liebsten würde ich gleich wieder los. 


Sonntag, 20. Juli 2014

Reise nach Kappadokien - 13: Bleib auf dem Teppich

Hier ist nichts. Nur kappadokische Steppe.
Als alle Teppiche ausgerollt auf dem Boden lagen, war eine ganze Stunde Zeit im türkischen Niemandsland, bis der Bus endlich weiter fahren würde. Es gab keine Gelegenheit, mal eben zu entfliehen. »Wo kommen Sie her?«, fragten die Teppichverkäufer, die in Stuttgart, Mannheim oder Salzgitter aufgewachsen waren und deswegen fast akzentfrei deutsch sprachen. Von diesen wuselten plötzlich so viele in dem großen Raum, dass wirklich keiner aus der Gruppe unbeachtet blieb. 


Ein Schwabe zeigte auf einen kleinen Teppich, in dem das Bild von einem Zebra eingewebt war: »Wozu brauch` mer das?« 
»Für die Töpf«, entgegnete seine Frau und lacht dabei. 
Der niedrige Reisepreis für Kappadokien funktioniert nur, weil derartige Verkaufsveranstaltungen Teil der Reise sind. Wie bei einer Butterfahrt sitzen alle Reiseteilnehmer irgendwo im Nirgendwo und können nicht ausreißen. Die Verkäufer sprechen perfekt Deutsch. Klar, sie wuchsen ja in Deutschland auf. Aber wenn ich mir hier die Pampa so angucke, dann scheint mir selbst ein soziales Brennpunktviertel in Salzgitter wesentlich attraktiver zu sein, als diese anatolische Steppe. 

Die Teppichfabrik. Vielmehr: Hier ist der Verkauf.
Erwischt. Das ist eines meiner gepflegten Vorurteile. Was weiß ich denn, was diese jungen Türken als ihr Glück bezeichnen? Fragen geht nicht, ich will schließlich keinen Teppich kaufen. Selbst wenn ich fragen würde, könnte ich ihnen denn glauben? Oder würde ich nicht eher sagen: Die dürfen jetzt nicht anders antworten, aber wenn sie ganz alleine und ehrlich mit mir reden könnten, dann können sie doch gar nicht anders, als meine Vorurteile zu bestätigen.
Pustekuchen. Es sind meine Vorurteile, und nichts weiß ich. Ich weiß einfach gar nicht, wie es wäre, hier zu leben, wenn ich vorher meinetwegen in einem Mannheimer Hochhaus gewohnt hätte, in eine Schule gegangen wäre, und gewusst hätte, dass mich eigentlich niemand braucht, dass ich als Ausländer nicht willkommen, sondern eher lästig bin. Dass ich Förderstunden bräuchte, um Dinge zu lernen, die mit meiner Lebenswelt überhaupt nichts zu tun haben, in denen moralische Werte gelten, die einfach anders sind. 

Nein, ich kann weder vergleichen, noch beurteilen.
Alles andere wäre einfach nur westlich und arrogant. 
In der Wohnung ist schönes Parkett, wimmelte ich einfach alle Verkäufer ab, die mir einen Teppich aufschwätzen wollten. Ich schlenderte ein wenig durch die verwinkelten Gänge, in denen überall Teppiche hingen. 
Eine Frau fragt nach, warum eigentlich Männer keine Teppiche knüpften, sondern nur Frauen. Das hätte weniger mit der Kunstfertigkeit, als mit dem hiesigen Rollenverständnis zu tun, bekommt sie zur Antwort. Ein Mann, der Teppiche knüpft, wird nicht so ernst genommen. 
Dabei will Cankut Yilmaz, dem die Teppichfabrik gehört und der selbst in Mannheim studiert hat, wie er sagt, Vorurteile beseitigen. 
Von der Teppichwissenschaft, die sich studieren lässt, schreibe ich auch noch. Demnächst. 

Sonntag, 13. Juli 2014

Reise nach Kappadokien 12: Ein bunter Abend

Die Tänzerin bei Licht besehen
Was macht ein türkischer Mann, wenn eine Bauchtänzerin so lange vor ihm tanzt, bis er endlich Trinkgeld gibt? Sollte er alleine oder in Gesellschaft anderer Männer unterwegs sein, dann genießt er. Und schaut. Und wartet. Er faltet einen Geldschein, klemmt ihn zwischen seinen Zeige- und Mittelfinger und wartet so lange ab, bis die Tänzerin nahe genug an ihn herangekommen ist: Dann lupft er nur ein ganz kleines bisschen mit dem Ringfinger den BH-Träger der Tänzerin. Nur ein bisschen und damit meine ich: Ein BH-Träger ist schließlich keine Bogensehne! Er lupft ihn also nur so weit, dass er den gefalteten Geldschein darunter schieben kann. Schon kleine Jungen lernen das von ihren großen Brüdern oder ihren Vätern, wenn sie mit ihnen unterwegs sind. Wird der türkische Mann dagegen von seiner Frau begleitet, dann blinzelt er der Bauchtänzerin höchstens so vorsichtig zu, dass die Frau nichts davon mitbekommt. Offen hinschauen und genießen? Wenn er keinen ausgewachsenen Ehekrach haben möchte, dann lässt er das, schaut nach unten, zur Seite, zu seiner Frau, irgendwohin, aber niemals, wirklich mit keinem Blick, zur Bauchtänzerin.

Die gleiche Tänzerin bei Dunkelheit
Da ich ebenso wenig, wie die anderen Mitreisenden weder mit türkischen Männern aufgewachsen bin, noch mit ihnen jemals unterwegs war, damit ich lernen konnte, wie man sich richtig benimmt, gab es eine kurze türkische Sittenkunde durch den Reiseleiter. Volkstänze wurden gezeigt, wie sie traditionell in den türkischen Dörfern bei Hochzeiten und anderen Feiern, an Feiertagen, zur Verabschiedung der Rekruten, zu Siegesfeiern, kurz: Immer, wenn es eine passende feierliche Gelegenheit gab, aufgeführt wurden und werden. Auch bei uns gibt es Folklore-, also Volkstänze, wie beispielsweise den bayerischen Schuhplattler oder beispielsweise den Walzer. 

An diesem Abend wurde ein erst langsamer Tanz aufgeführt, der den Ablauf eines türkischen Polterabends widerspiegelte: Der Bräutigam wurde eingeseift und rasiert, die Hände der Braut mit Henna gefärbt. Später tanzten auch andere Gäste im Reigen mit. Immerhin standen genügend Flaschen mit Raki und Rotwein auf den Tischen, alles im Preis inbegriffen. Sicherheitshalber blieb ich lieber sitzen. Besser ist das. Meine letzte Tanzstunde ist gefühlt mindestens schon hundert Jahre her. Und bei den anderen sah das auch nicht so taktsicher aus, wie bei den Türken. Das musste ich einfach völlig neidfrei feststellen. Die Türken tanzten wirklich besser. 

Bauchtanz
Die Bauchtänzerin, die zum Schluss auftrat, ebenso. Am Nachbartisch saß ein türkisches Paar, feierte den Hochzeitstag, wie sie erzählten. Die Bauchtänzerin kam, der Mann betrachtete völlig konzentriert seine Fingernägel. Sie tanzte, schüttelte mit ihren Klimperketten, es fehlte nicht viel, und der Mann hätte in seiner Nase gepopelt, nur um zu zeigen, dass ihn der Tanz nicht interessiert. Die Frau dagegen war super aufmerksam: Sie schaute genau, wohin der Mann sah, bis dieser endlich einen Geldschein aus der Tasche fingerte, diesen faltete, zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmte und mit dem Ringfinger den Träger des BHs lupfte, nur ein ganz kleines bisschen, bis er gerade so den Schein unter den Träger schieben konnte. 

Obs zwischen den beiden noch Krach gab? Keine Ahnung. Solange wir als Publikum daneben saßen und interessiert guckten, waren sie ganz lieb und freundlich. 







Sonntag, 6. Juli 2014

Reise nach Kappadokien - 11: Das Tal der Steinernen Soldaten

Es heißt, dass ein guter Bildhauer weiß, welche Figur sich in dem Stein verbirgt, den er noch als großen, groben Klotz vor sich stehen hat. In seiner Arbeit mit Hammer, Meißel und Schlageisen zeigt der Bildhauer seine Schlagfertigkeit, wenn Splitter für Splitter die Blöcke so raffiniert behauen werden, dass die daraus entstandenen Skulpturen eine lebendige Präsenz erhalten. Ovid erzählt in seinen Metamorphosen von Pygmalion, der als Bildhauer die Statue einer Frau schuf - nachdem er mit echten Frauen irgendwie nicht zurechtkam - und diese dank der Göttin der Liebe sogar lebendig wird. 

Ob das für Wind und Wetter auch so gilt? Diese brauchten zwar entschieden länger dafür, bis sie Sandkörnchen für Sandkörnchen von den Statuen entfernt hatten, so ganz ohne anderes Werkzeug, wie es ein Bildhauer gewöhnlich benutzt. Aber wenn ein Bildhauer nur pusten würde, bräuchte er ebenfalls länger, als sein Leben dauert. Immerhin schufen Wind und Wetter im Lauf der Jahrmillionen im Tal der Steinernen Soldaten einen ganzen Skulpturenpark: 


Wie in den ständig wechselnd vorüberziehenden Formationen der Wolken am Himmel lassen sich mit ein wenig Phantasie in den Steinen Figuren entdecken, eine Madonna ist zu sehen, miteinander schwätzende Weiber und ein ruhendes Kamel. Wie lebensecht das Kamel von Wind und Wetter aus dem Stein geschmirgelt wurde, zeigt der Zaun um den Stein herum, der sämtliche Besucher hindern soll, in den Sattel zu steigen. Die Schuhe der Touristen graben ebenso geschwind wie deren Finger auf der Suche nach Halt so tiefe Rillen in den weichen Stein, dass von dem Kamel in Nullkommanix mehr übrig bliebe. 

Der Name des Tals erinnert an eine so ferne Vergangenheit, die von niemandem mehr überprüft werden kann. Ob sich alles so zutrug, wie es erzählt wird? Einst fragte König Krösus, der für seinen Wohlstand und seine Freigebigkeit so bekannt war, dass sein Name als Synonym immer noch für spendable Menschen gilt, das berühmte Orakel von Delphi. Dessen Weissagung: "Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören", interpretierte Krösus so, als sei ihm der Sieg bereits sicher und zog gegen die Perser. 

Den Halys überquerend, kam Krösus in das von den Persern regierte Kappadokien. Im Tal der Steinernen Soldaten trafen die Lyder und die Perser in einer Schlacht aufeinander, von der es bei Herodot heißt: „Als Phraortes tot war […] und Kyaxares gegen die Lyder stritt, dazumal, als mitten im Streit Nacht ward aus dem Tag […] und dann ganz Asien oberhalb des Halys unterwarf... 

Die Sage erzählt, dass sich die Sonne verfinsterte und somit die Schlacht unterbrach. Denn in der Antike - und Jahrhunderte später immer noch - galt eine Sonnenfinsternis als ein Zeichen, welches Unheil bringt. Dabei hatte Thales von Milet diese Sonnenfinsternis sogar vorausgesagt. Als diese tatsächlich kam, ließen die Kämpfer von ihrem Kampf ab und schlossen Frieden. Jedenfalls vorerst, denn später wurde Krösus tatsächlich von den Persern besiegt. Diejenigen Krieger, welche nicht aufhören wollten und weiterkämpften, versteinerten und sind bis heute zu sehen, im Tal der Steinernen Soldaten. 

Sonntag, 29. Juni 2014

Reise nach Kappadokien - 10: Das Tal der Mönche

Ein bisschen sehen die Säulen mit ihren Mützchen so aus, als seien die Mönche zu Stein erstarrt und hätten ihre Kapuzen für immer über das Gesicht gezogen, so dass niemand sie mehr ansprechen kann. Die Säulen als solche werden Feenkamine genannt, und sie blieben dort stehen, wo die butterweichen Steinschichten durch ein härteres Lavamützchen geschützt waren und nicht von Wind und Wetter abradiert wurden. Auf dem Bild ist gut zu sehen, wie weich der Stein ist: Rechts die Trittstufen wurden von den Touristen eingegraben, auch der Mann rechts sitzt auf einem Sessel, der von den Berührungen geformt wurde. Unten im Tal sind die Säulen, die Feenkamine.

In einigen der Säulen sind Räume, in denen einst Einsiedler wohnten. Hinauf ging es nur mit einer Leiter. Denen war damals schon die Welt zu viel, die Menschen um sie herum, so dass sie hinauszogen in die Einsamkeit. Was würden diese Eremiten heute sagen, in unserer Zeit, in der jeder ständig und überall erreichbar sein muss? Ob es allerdings im Mönchstal Internet- oder Handyempfang gibt, habe ich nicht überprüft, obwohl ich in eine Ecke des Tales noch so lange einem kaum erkennbaren Trampelpfad gefolgt bin, bis es wirklich nicht mehr weiter ging und dieser zwischen Gestrüpp und Steinen endete.

Eine Kapelle ist St. Simeon geweiht, der im 5. Jahrhundert in der Umgebung von Aleppo lebte, als Einsiedler. Irgendwie macht ein solch zurückgezogenes Leben doch die Menschen neugierig. Wie lebt jemand so ohne Schwätzereien und alleine? Wer sich seinen Mitmenschen entzieht, gibt deren Phantasie Nahrung. Deswegen kamen möglicherweise die neugierigen Frauen dann auf die glorreiche Idee, dass Simeon Wunder wirken und heilen könne. Das war doch Grund genug, zu ihm zu pilgern - und ihn, der doch lieber alleine gewesen wäre, zu nerven. Also hat sich Simeon auf eine Säule gesetzt: So war er 15 Meter näher am Himmel und so weit weg von den Menschen, wie es ihm möglich war. Hier oben konnte er in aller Ruhe meditieren. Zur Erde stieg er nur dann hinab, wenn er ein wenig essen und trinken musste - seine Verehrer brachten ihm mehr als genug davon. Ob sich Simeon jemals wieder gewaschen hat? Dann war es wahrscheinlich ganz gut, dass er außerhalb der Nasenweite saß. Aber wahrscheinlich haben die früheren Heiligen ohnehin mehr gestunken, als wir uns heute vorstellen können. 

Der Film Simón del desierto (1965), auf deutsch: Simon in der Wüste ist ein Film von Luis Buñuel, den dieser über ebenjenen Säulenheiligen drehte. In diesem ist zu sehen, wie sich der Satan in unterschiedlichen Gestalten nähert und Simeon auf seinem steinernen Hochsitz verführen will: Als Frau im Matrosenanzug und als blonder Hirte mit Locken versucht er noch, Simeon von unten zu locken. Erst beim dritten Mal klettert Satan schließlich als Frau an der Säule hoch und schmust mit Simeon. Doch der Heilige bleibt standhaft, so wie seine Säule und sieht schlussendlich, wie der Böse auf einem Borstentier davoneilt: Simon in der Wüste

Samstag, 21. Juni 2014

Reise nach Kappadokien - 9: Die Kirchen in den Bergen von Göreme

Maria war noch keine fünfzig Jahre alt, als ihr Sohn am Kreuz starb. Von Josef ist irgendwie keine Rede mehr und eine Rente gibt es nicht, die sie in ihrem kleinen Häuschen mit Garten an der Seite friedlich hätte vernaschen können. Statt dessen: Kind tot, auch wenn es schon über dreißig Jahre alt war und wie sah die Zukunft aus? Alle, die an diesen seltsamen Verrückten geglaubt hatten, von dem behauptet wurde, dass er Gottes Sohn sei, verkrümelten sich lieber. Das war weniger gefährlich und außerdem verlangte niemand von ihnen, jetzt wieder ganz normale Juden zu sein und sich bitteschön auch so zu benehmen. Die Pharisäer konnten wieder in Ruhe in ihren Tempeln das Geld scheffeln, die Römer herrschten, alles war gut. 

Das Land, welches am nächsten lag, war offensichtlich Kappadokien. Vielleicht war es auch so, dass jemand von den Jüngern sagte: Du, ich kenne da jemanden, dort können wir in Ruhe leben, so wie wir es für richtig halten und den Menschen von Jesus erzählen. 

Jedenfalls war dort im Tal von Göreme und drumherum Platz genug und auch genügend Felsen, in die im Lauf der Zeit viele kleine Kirchen und auch Klöster und Einsiedlerzellen gemeißelt wurden. Praktischerweise wurden auch die Nischen fürs Geschirr, die Tische und Bänke in den Refektorien und sonstige Einrichtungen aus dem Stein gehauen. Nur unbequem sehen sie aus: In einer Rinne finden Beine und Füße Platz und der Tisch ist auf der gleichen Höhe, wie die Bank. So ist das Essen eher unbequem, es sei denn, man isst mit den Fingern oder hält die Schale in der Hand. 
Hat hier eigentlich jeder seine eigene Kirche aus dem Stein gekratzt? 

Vom 4. bis zum 13. Jahrhundert wohnten hier Christen, waren Kirchen und Klöster besiedelt. Die Geschichte der Evangelien wurde in bunten Comics auf die Kirchenwände gemalt, darüber gab es Streit, also wurden die Gesichter ausgekratzt, so hoch die Eiferer mit ihren Armen reichten. Später wurde es ruhig, alles geriet ein wenig in Vergessenheit und dürres Gras wuchs, nur gelegentlich von Schafen und Ziegen abgefressen. 



Heute ist hier ein Weltkulturerbe, alles darf beguckt werden, man kann fast mit der Nase an den Wänden riechen. Es sind keine Glasscheiben davor, trotzdem darf nicht fotografiert werden, damit die restlichen Farben, die noch da sind, nicht weiter verblassen. Dafür gibt es aber Bücher zu kaufen, in denen die Bilder alle drin sind. Weil niemand mehr weiß, ob die Kirchen ursprünglich überhaupt einen Namen hatten, oder ob sie nach denen benannt wurden, die hier wohnten, kochten, arbeiteten, stritten, sich liebten, was auch immer, wurden sie jetzt nach ihren Eigenheiten benannt. So, wie manche Höhlen oder Berge: Es gibt die Apfelkirche, die Spangenkirche, die Sandalen-Kirche, die Schlangenkirche und, unter anderem, die Schwarze Kirche, für die noch extra Eintritt nötig war. Dafür waren hier die Bilder am schönsten, am farbigsten erhalten, weil nur durch ein winzig kleines Fenster in der Felswand Licht hinein kam. Selbst die Tür war so gebaut, dass es erst in einen Vorraum ging und dann noch einmal um die Ecke, so dass wirklich wenig Luft und Licht in den Raum kam. Ein bisschen wirken die Räume im Stein wie die Grabkammern der Ägypter, die ja innen auch bunt bemalt sind. Wer weiß, vielleicht kannte ja jemand den Baustil, und fand ihn toll. So wie man heute an manchen Einfamilienhäusern sämtliche Scheußlichkeiten bewundern kann, welche die Besitzer unterwegs an anderen Häusern sahen. 


Sonntag, 8. Juni 2014

Reise nach Kappadokien: Der Obsidian

Sand gibt es wie Sand am Meer. Wenn dieser rein ist, dann ist es chemisch nichts anderes als Siliciumdioxid. Wird Sand heißer als 1700 Grad Celsius, schmilzt er und aus ihm entsteht beispielsweise Glas. Auch in den türkischen Vulkanen war es heiß genug, dass Steine und Sand schmolzen. Kühlt solch geschmolzener Sand, der als Lava aus einem Vulkan kommt, schnell ab, kann aus ihm schwarzer Obsidian werden

.Dieser lässt sich mit einem anderen Stein als Hammer bearbeiten, springt dabei auseinander und bildet scharfe und muschelförmige Bruchkanten, ganz ähnlich wie der Feuerstein. Die Menschen in der Frühzeit nutzten solche Klingen aus Obsidian und verwendeten Splitter aus Obsidian für ihre Speere und Pfeile, lange bevor sie lernten, Metall zu schmelzen. 

Die Römer später polierten den Obsidian so lange, bis sie sich in ihm spiegeln konnten. 

In Uchisar kamen wir an einer Werkstatt vorbei, in der Obsidian zu allerlei Kram verarbeitet wurde und der Reiseleiter auf diese Steine hinwies, die auch Vulkanglas genannt werden. 

Fantasyspieler kennen ebenfalls Obsidian: In ihren Welten dürfen die Magier mit Dolchen aus Obsidian kämpfen, da Waffen aus Metall ihre Zauberkraft behindern würden. 

Heutzutage wird der Obsidian zu Schmuck oder zu Figürchen verarbeitet. Und die Esoteriker mögen den Stein. Er gilt bei ihnen als Stein, der erste Hilfe leisten kann, weil er sowohl Schock, als auch Angst und Blockaden lösen soll. Er soll bei Wundheilung sowie gegen Raucherbein und kalte Füße helfen. Außerdem soll der Obsidian die Wahrnehmung verstärken, so dass Menschen verdrängtes erinnern können und hellsichtig werden. Ein Obsidian könne vergessene Begabungen zurückbringen. Na, dann plädiere ich doch dafür, dass künftig in den Hauptschulen Obsidiane verteilt werden. Die Kinder haben bestimmt ihre Begabungen nur vergessen...

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Sonntag, 1. Juni 2014

Reise nach Kappadokien - 7: Der Burgberg von Uchisar

Erinnert sich noch jemand an Granatsplitter? Ich habe lange keinen mehr gegessen, aber das lag eher daran, dass meine Tante mir erzählt hat, was da alles so drin sei, so lange, bis mir glatt der Appetit darauf vergangen ist. Deswegen weiß ich gar nicht, ob es diese quietschsüßen Berge mit dem Schokoüberzug überhaupt noch gibt. 

So ungefähr, wie einer dieser süßen Granatsplitter, nur ohne Schokolade und viel größer, so ungefähr sieht der Burgberg von Uchisar aus. Er hat Löcher, die zeigen, dass er einst noch viel größer und dicker gewesen sein muss, denn die Löcher führen direkt in den Berg, zeigen Räume, denen quasi die Außenmauer fehlt. Von hier oben ließ sich gut beobachten, wer unten vorbeizog. Waren es Freunde, konnten sie auf Leitern hinaufgebeten werden. Waren es Feinde, mussten sie unten bleiben. Einige der Höhlen sind wohl noch bewohnt, in einem kleineren Berg haben die Bewohner ein Cafe eingerichtet. 

Auf dem Weg zum Burgberg stehen leere Häuser, die halb verfallen sind, mit filigranen Ornamenten rund um die Fenster. Da haben mal Griechen gewohnt, erklärt unser Reiseführer, seit diese vertrieben wurden, stehen die Häuser leer. Das geschah auch schon vor langer Zeit: 1923. Also nur eine kurze Zeit, nachdem die Armenier auf ihre Märsche ohne Wiederkehr getrieben wurden. Damals mussten die Griechen, die in der Türkei lebten, ihre Sachen packen und zurück nach Griechenland ziehen, die Türken, welche bis dahin in Griechenland lebten, kamen dafür zurück. So waren wieder alle Nationalitäten hübsch sortiert, jeder dorthin, wo er hingehörte. Weil aber mehr Griechen wegzogen, als Türken kamen, blieben viele Häuser leer. Bis heute. Dazu kam, dass es dann viele Orte gab, die nach diesem Austausch weder Lehrer, noch Apotheker oder Arzt hatten. Das waren die Berufe vieler Griechen - dafür kamen Türken, die weder lesen noch schreiben konnten, aus Griechenland zurück. Bis aus den Daheimgebliebenen und den Rückkehrern gute Nachbarn wurden, das dauerte - und dauert wohl manchmal noch bis heute, wie der Reiseleiter erklärte. 

Sonntag, 25. Mai 2014

Reise nach Kappadokien - Angebot und Nachfrage

Ein Kamel stand am Straßenrand und wartete. 

Es klimperte mit den langen Wimpern, war hübsch bunt aufgezäumt und angebunden. Weil sich die Touristen in der Gruppe nicht blamieren wollten, stieg keiner auf, um darauf eine Runde zu drehen. Der Kamelbesitzer kannte das schon: Die Leute kommen nur zu ihrem Bus, wollen wieder einsteigen, haben keine Zeit - aber sie machen ein Foto von dem schönen Kamel. 

Deswegen passte er sein Geschäft der entsprechenden Nachfrage an:








Da sowieso niemand darauf reiten möchte, darf das Kamel fotogen stehen bleiben. Jetzt kostet es Geld, wenn man es fotografieren will. So einfach, so logisch. 

Sonntag, 18. Mai 2014

10 gute Gründe, warum du nach Kappadokien fahren solltest

1. Die Landschaft ist einfach großartig.
Ich kann mir zwar nicht wirklich vorstellen, wie lange die drei Vulkane  Erciyes Dağı, Hasan Dağı und Melendiz Dağı vor zwanzig Millionen Jahren Lava und Asche spucken mussten, bis alles voll war und die Erosion daraus die tiefen Täler, die Feenkamine und Schluchten schaffen konnte. Aber das Ergebnis ist phänomenal. Selbst im März, oder vielleicht genau deswegen, weil nichts von den felsigen Formationen ablenkt, außer vielleicht der einsame Baum mit Mandelblüten, der am Rand des Abgrundes steht. 

2. Die Menschen
Die Menschen, die wir trafen, waren ausnahmslos sehr nett. Ja, wirklich. Auch die, die uns übers Ohr gehauen haben. Das fand ich zwar bedauerlich und blöd, aber trotzdem verständlich. Schade war es nur, dass es so wenige Begegnungen überhaupt waren. Aber ich kann ja nun wirklich kein Türkisch. Wie hätte ich mich da unterhalten können...

3. Die Begegnung mit der Geschichte
Wir hier in Westeuropa halten uns ja gerne für den Nabel der Welt und der gesamten Zivilisation. Doch während die alten Germanen noch auf Bärenhäuten lagen, ging in Kappadokien die Post ab. Hierher brachten sich die ersten Christen vor den Verfolgungen durch die Römer in Sicherheit, die Karawanen zogen auf der Seidenstraße entlang. Die Karawansereien standen im Abstand von Tagesmärschen und die Bewaffneten in deren Diensten eskortierten die Karawanen, immer bis zur Hälfte des Weges zur nächsten Karawanserei. Dort war Übergabe. 

4. Die Häuser in den Felsen
Wie Bienenwaben sind die Wohnungen in den leichten Tuffstein eingemeißelt. Wenn die Frau zum Mann sagt: "Schatz, ich brauche ein neues Regal", dann greift der Mann zu Hammer und Meißel, statt in den Möbelmarkt zu gehen. Viele der Wohnungen und Kirchen sind uralt, es gibt auch welche, die immer noch bewohnt sind. Aber die meisten Menschen, die bis vor kurzem noch in ihnen lebten, wurden vom türkischen Staat enteignet, damit diese erhalten bleiben, so wie sie sind. Das finde ich wiederum weniger schön. 

5. Die bunte Vielfalt auf den Märkten
Ob getrocknete Früchte oder türkischer Honig: Die Märkte sind - wie überall auf der Welt, wo es Märkte gibt - faszinierend und vielfältig. Schade, dass es diese Form der Märkte bei uns nur so selten gibt. 

6. Teppiche, Goldschmuck und Lederjacken
Gerade die Teppichknüpferei hat in Anatolien eine lange Tradition, die wohl irgendwann einfach ausstirbt, wenn die Türken selbst die Teppiche nicht mehr brauchen oder als "von gestern" verschmähen, und den Touristen die handgeknüpften Teppiche zu teuer sind. Aber noch gibt es einige, die sich hier sowohl Teppiche, als auch Goldringe oder Lederjacken kaufen. 

7. Die Begegnung mit der türkischen Kultur
Ich gebe es zu: Ich bin nicht wirklich ein Gesellschaftstierchen, welches gerne in der Gruppe unterwegs ist. Trotzdem reise ich ganz gerne in einer Gruppe, weil ich auf diese Weise die Geschichten des Reiseleiters hören kann. Dabei erfahre ich mehr, als in jedem Reiseführer steht. Dieser kann zwar mit genaueren Zahlen und viel mehr Fakten glänzen, aber das ist nicht das, was mich interessiert. Oder was ich mir merken kann. Dagegen kann ein Reiseleiter ziemlich viel erzählen. 

8. Die türkische Küche
So, wie bei uns in Deutschland in Kantinen und in Restaurants zwar das Gleiche auf der Karte stehen kann, vom Geschmack her jedoch Welten dazwischen liegen, so ist es auch in Kappadokien. Es gab ein Hotel, da war das Essen spitzenmäßig - und in einem absolut unterirdisch. Der Rest schmeckte irgendwie mittelmäßig. Aber es sah alles ziemlich ähnlich aus. Trotzdem ist das Fazit: Das Essen war gut. Eigentlich viel zu gut, weil die Versuchung groß war, sich durch alle Leckereien zu probieren. 

9. Das eigene Leben wieder mehr zu schätzen
Die Hotels sind der reinste Luxus - und der krasse Gegensatz zu dem, wie die Menschen hier in Kappadokien leben. Dort gibt es kaum etwas - außer dem Tourismus. Die Menschen sind arm, auch wenn sie arbeiten und ihr Leben ist hart. Es ist kein Wunder, dass die Menschen von hier wegziehen, in die Städte, wie beispielsweise Antalya. Und es ist gut, diesen Gegensatz zu sehen und mich hinterher zu freuen, wie gut es mir doch geht. 

10. Die Reise war günstig
Wirklich. Selbst wenn ich alles dazurechne, was dann zu den eigentlich erst versprochenen 99 Euro für acht Tage noch an Spaßpaketen gebucht werden musste, war die Reise wirklich günstig. Echtjetzmal. 

Sonntag, 11. Mai 2014

Internezzo--- Auf nach Wolfenbüttel

Zu einem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wunderbaren Seminar:

"Uns bleibt Paris - oder Wolfenbüttel"

Oder: Wie aus Reisen Literatur wird.

Ich freue mich darauf.

Samstag, 3. Mai 2014

10 Gründe, warum du nicht nach Kappadokien fahren solltest

1. In Kappadokien ist es ziemlich öde.
Gut, es gibt Landschaft. Aber das war es auch schon. Kaum Bäume, kaum Sträucher, nur ebene Pampa und die Täler. Wer sich hier vor sein Haus stellt, kann genau sehen, wer am nächsten Tag zum Kaffee vorbei kommt. Anschleichen und überraschen geht gar nicht. Es staubt immer und überall. 





2. Es liegt viel Müll und Plastik herum.
Es gibt auch Türken, die das nervt, sagte der Reiseleiter. Weil aber auf der Hochebene alles eben ist, fegt der Wind die Plastiktüten vor sich her, so lange, bis sich alles in den zwei Sträuchern gefangen hat, die im Umkreis von zwei Kilometern stehen und die dann aussehen, als würden die Tüten auf ihnen wachsen. Dazu kommt: Es gibt keine Müllabfuhr. Jedenfalls nicht in Kappadokien. Also wird alles im Boden vergraben, was übrig bleibt und nicht mehr gebraucht wird. Die Tiere graben es wieder aus. 

3. Die Türken versuchen, die Touristen übers Ohr zu hauen.
Ja, die Menschen sind arm und haben hier kaum Gelegenheit, auch nur 100 Euro im Monat auszugeben, weil es nichts zu kaufen gibt. Im Vergleich dazu müssen wir ihnen ja wie Krösusse vorkommen: Wir müssen einfach viel zu viel Geld haben, wenn wir in diese öde Pampa reisen und uns Steine angucken und alte Wohnungen, die vor Urzeiten in Felsen gemeißelt wurden. Solche reichen Leute kann man ja einfach betuppen, macht ja nichts, die haben es ja. Oder? Trotzdem komme ich mir veräppelt vor. Und mag beim nächsten Mal garantiert nichts kaufen.

4. Es wird wenig auf die Umwelt geachtet.
Das habe ich mir bei der Aluminiumfabrik gedacht, als in der Luft ein chemischer Duft lag. Und so ist es wohl auch überhaupt, wie der Reiseführer erzählte: Eine Zuckerfabrik wird eben mal so mitten in die staubtrockene Ebene Kappadokiens gebaut, weil sich Beamte überlegen, dass dort rundherum gut Zuckerrüben wachsen könnten. Platz ist ja da. Leider regnet es dafür zu wenig. Und so steht die Fabrik eben nutzlos herum.

5. Die Häuser sehen ziemlich fade aus. 
Irgendwie sehen alle Häuser gleich aus: Wie Würfel. Wenn sie älter sind, dann sind sie kleiner, sind es neuere Häuser, dann sind die Würfel aus Beton und groß genug, dass mehrere Familien darin wohnen können. Verziert ist wenig und schön finde ich anders. Aber die Uniformität der deutschen Vorstädte und Einfamilienhaussiedlungen gefällt mir auch nicht, zugegeben. 



6. Die Reise kostet deutlich mehr, als nur 99,- Euro oder 149,- Euro.
Das verrät aber eigentlich erst der Reiseleiter im Bus. Zwar steht es kleingedruckt bereits in den Unterlagen, doch wer liest schon Kleingedrucktes so genau. Und wer ahnt schließlich, dass die Hotels so weit in der Pampa liegen, dass es im Prinzip nicht möglich ist, woanders essen zu gehen oder etwas anderes zu unternehmen, außer dort, wo die ganze Reisegruppe gemeinsam isst und unterwegs ist. 

7. Die Mitreisenden.
Einer nervt immer. Mindestens. In diesem Fall war es der alte Mann vor mir im Bus, der sich ständig so laut räusperte, als würde er das gesamte Mobiliar dabei aus der Lunge und den Nasennebenhöhlen holen. Und irgendwie ist es schon seltsam, wenigstens in dieser Reisegruppe: Es sind verdächtig viele Lehrer anwesend. Können die nicht einmal in ihrem Urlaub alleine unterwegs sein? Brauchen die immer eine Atmosphäre, wie auf einer Klassenfahrt? 

8. Die Verkaufsveranstaltungen.
Teppiche, Goldschmuck und Lederjacken: Wer fährt extra in den Urlaub, um sich Zeug zu kaufen? Gut, ich frage mich eben: Brauche ich das wirklich? Und in diesem Fall war es einfach: Einen Teppich brauche ich nicht, weil in der Wohnung so schönes Parkett liegt, dass es geradezu sträflich wäre, das mit einem Teppich zu bedecken. Der Schmuck, den es dort gab, der gefiel mir nicht, weil er viel zu klunkerig und glitzerig war. Und eine Lederjacke? Brauche ich ganz und gar nicht. Das arme Tier...

9. Die Aufdringlichkeit der Händler. 
Ja, es nervt, wenn ich nur gucken will und nicht gucken kann, weil gleich der Händler auf mich einredet und mir Dinge zeigt, die ich gar nicht sehen wollte. Das sei normal, erklärte der Reiseführer, er würde es dagegen seltsam finden, wenn er einen Laden betritt und seine Ruhe hätte. Dann würde er vermuten, dass ihm der Inhaber nichts verkaufen wolle. 

10. Die Armenier. 
Dazu muss ich nichts erklären, nach meinem Beitrag hier im Blog. 

Demnächst gibt es übrigens hier im Blog die zehn guten Gründe, doch nach Kappadokien zu fahren... 
Bis bald!

Mittwoch, 30. April 2014

Reise nach Kappadokien - die tanzenden Derwische

Wer sich nach vorne in die erste Reihe setzt, soll sich warm anziehen, sonst würde es kühl werden, hatte der Reiseleiter noch gewarnt. Dabei wollte ich nur besser und vor allen Dingen ungehindert auf die Bühne sehen, auf der die Derwische tanzen sollten. Doch wie bei jeder guten Vorführung ist das Warten darauf ein Teil der Vorfreude und so dauerte es eine Weile, bis zunächst die Musiker, später dann auch die Derwische kamen. 

Mit Musik und Gesang, einer Lobpreisung des Propheten begann alles, so stand es auf dem Zettel, der die Zeremonie erklärte. Das ist auch wichtig, weil sonst kaum jemand der Zuschauer die Sprache und den Ablauf verstehen kann. Aber ist mit einer solchen Erklärung das Wesen zu erfassen, das Wesen, das sich hinter dem Tanz der Derwische verbergen soll, das Geheimnis quasi? Wahrscheinlich genauso wenig, wie sich mit einer Erklärung über die Baugeschichte einer Kathedrale deren Faszination erklären lässt, welche die weit gespannten und hohen Gewölbe auf die Menschen ausüben. Nur: Hier ist es eine andere Kultur, in der ich nicht zu Hause bin, und die mir deswegen viel fremder und verschlossener ist, als meine vertraute und eigene Welt. 

Wie sieben weiße Vögel breiteten die Männer später ihre Arme aus, die weiten Gewänder wurden zu Schwingen. Doch sie flogen nicht, sondern drehten sich nur, stundenlang, wie mir schien. Dabei hatten sie ihre Köpfe auf die Schultern geneigt und ihre Augen geschlossen. Sie drehten sich um ihre eigene Achse, schnell, weiter, ständig, ohne aufzuhören und ohne zu torkeln. Wenn ich mich so lange drehen würde, dann hätte ich hinterher einen Drehwurm und würde torkeln, wenn ich aufhören würde, mich zu drehen. Doch die Derwische drehen sich weiter, strecken den rechten Arm zum Himmel, mit geöffneter Hand, von dort empfangen sie sowohl die Weisheit, als auch die Güte Gottes, die sie mit dem anderen Arm, der zur Erde weist, an die Menschen weiterreichen. 

Der steingraue Filzhut auf dem Kopf ist das Symbol für ihren Grabstein, die weißen Gewänder stellen die Totenhemden dar. Es wurde wirklich kühler im Raum, obwohl so viele Menschen drumherum saßen. Es wurde kühler, weil die weiten Gewänder der Tänzer wirbelten und damit die Luft kühlten. 

1925 ließ Kemal Atatürk alle Derwischorden verbieten: Er sah in ihnen, die so ihre Traditionen verhaftet waren, eine Gefahr für die moderne Türkei, die er errichten wollte. Die Klöster, wie das in Konya, wurden aufgelöst und die meisten Tänzer, welche heute vor Touristen auftreten, sind in Vereinen organisiert und ich bin mir nicht sicher, ob sie hier einfach nur eine Show boten, oder dabei mit ihrem Tanz einen wirklichen Kontakt zu Gott aufbauen. 

Dabei ist Konya eigentlich der beste Ort, um einen echten Derwisch zu treffen. Hier war das Kloster, in dem Rumi einst lebte und in dem die Derwische diesen von ihm erfundenen Wirbeltanz praktizierten. Zwar wurde aus dem Kloster ein Museum, doch viele der türkischen Besucher sehen eher nach Pilgern aus: Sie wenden ihre Handflächen zum Himmel, wippen mit dem Oberkörper, murmeln leise vor sich hin. Die langen Gewänder, die von den Sufis getragen wurden, hängen in Vitrinen. In Avanos dagegen, in einer Höhle, sahen wir eine Zeremonie der Derwische. Ob es echte waren? Wer weiß. Vielleicht ist auch alles nur Tarnung, damit die Männer, die diese Meditation praktizieren, nicht ins Gefängnis müssen. Immerhin wurde 80 Jahre nach der Aufhebung des Ordens die Zeremonie der Tanzenden Derwische auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen, welche auch aus dem mündlichen und immateriellen Erbe der Menschheit besteht und nicht nur aus alten Gebäuden und Stätten. 

Die persische Flöte Nei wird von Laute, Zither und Trommel begleitet. Der Tanz der Derwische ist ihr Gebet, und ihr Zugang zu Gottes Geist. Kann ja sein. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott dazu gesagt hat, dass ringsum dicht gedrängt wie in einem Zirkuszelt viele zahlende Touristen sitzen sollen. 

Samstag, 26. April 2014

Vor 99 Jahren in der Türkei

Es gab so einen kurzen Moment, irgendwann im Bus, in dem Dämmer zwischen Schlafen und Wachen, in dem mein Blick hinaus aus dem Fenster auf das öde Land fiel, welches sich kahl und graubraun bis zum Horizont zog. Ich sah fahle runde Dinge - und war sofort hellwach. Phantasie ist ein grandioser Muntermacher. Glücklicherweise entpuppte sich das, was ich im ersten, noch schläfrigen Moment für menschliche Schädel hielt, später im wachen Licht als Überreste von Kürbissen.

Wieso ich die Reste helle Kürbisse in meiner Phantasie für menschliche Schädel hielt, lag sicherlich auch daran, dass ich vor der Reise in die Türkei ein Buch las, eines, das mich immer wieder fesselt und welches ich schon oft gelesen habe: "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel, ein Buch, das auf einer wahren Begebenheit beruht. Es liest sich unglaublich spannend, berichtet von Grausamkeiten und alltäglichem Heldenmut, und davon, dass durch den Widerstand und die Flucht der Menschen auf den Musa Dagh, den Berg Moses, etwa 4.000 Menschen dadurch gerettet werden, dass sie von einem französischen Kriegsschiff, der Guichen, aufgenommen werden. 

Vor inzwischen 99 Jahren, am 24. April 1915, beschloss die türkische Regierung, welche seit 1908 an der Macht war, die Armenier zu verhaften und zu deportieren, sie begannen, die Menschen aus ihren Häusern zu vertreiben, sie ermordeten Männer und Jungen, sie trieben die Frauen und Kinder auf lange Märsche, auf denen mindestens anderthalb Millionen Menschen starben. Überlebt haben nicht viele davon. Das sollten sie ja auch nicht. Es gibt eine Menge darüber zu lesen, wie hier auf Arte und diesen Dokumentarfilm kann man auch angucken. 

Irgendeiner aus der Reisegruppe stellte dann später, irgendwann, schon ziemlich gegen Schluss der Reise, die unvermeidliche Frage nach den Armeniern und der Schuld der Türken an den Reiseleiter. Er fragte so, wie es Lehrer manchmal so an sich haben, fragte den Reiseleiter auf eine Weise, dass es eigentlich auf diese Frage nur eine mögliche Antwort geben konnte. Doch der Reiseführer beantwortete diese Frage nach den Armeniern und dem Völkermord außerordentlich diplomatisch, wie er überhaupt immer diplomatisch war, wenn es um heikle Fragen ging. 

Nein, es sei kein Völkermord gewesen, aber eine Tragödie, meinte der Reiseleiter. Denn die Armenier mussten von der Grenze weg, ins Landesinnere. Na klar. Nur, dass alle, egal wo sie wohnten, gehen mussten. Vielleicht ist das für uns ein wenig schwer verständlich, aber die Türkei ist ein Land, in dem es nicht immer einfach ist, irgendeine persönliche Meinung zu haben und diese auch noch öffentlich zu verkünden, besonders dann nicht, wenn sie nicht mit der offiziellen Meinung übereinstimmt. Offiziell wird der Mord an den Armeniern von der türkischen Regierung immer noch bestritten, auch wenn sich Erdogan in diesem Jahr zum ersten Mal dazu geäußert hat. Und allein deswegen kann ein türkischer Reiseleiter auf eine polemische Lehrerfrage auch nur eine diplomatische Antwort geben.