Dienstag, 26. November 2013

Obdachlos in Nürnberg

Der Winter naht und es wird kalt---
Die Autoscheibe ist früh am Morgen mit Eiskristallen bedeckt und auf dem Gras liegt Reif. Ganz normal zu dieser Jahreszeit. Was für normale Menschen nur bedeutet, dass sie zwei Minuten früher aus dem Haus gehen, damit sie die Autoscheibe frei kratzen, ansonsten die Heizung ein wenig höher drehen oder ein Stück Holz in den Ofen schieben. Dann ist es drinnen kuschelig warm und für draußen gibt es warme Jacken. 
Peter und Thomas vom Straßenkreuzer
Doch es geht auch anders. Peter Nensel und Thomas Kraft vom Straßenkreuzer führen eine Gruppe Menschen durch die Stadt und zeigen, was Menschen in Nürnberg machen, wenn sie keine Wohnung haben, sondern obdachlos sind. Das bietet eine neue Perspektive auf die Stadt. Wer nicht in den Läden bummeln gehen kann, der kann sich dort auch nicht einfach aufwärmen. 
Es geht durch eine gelb gestrichene Toreinfahrt in einen Hinterhof: Ein Fahrrad steht auf einem Container, es sind Drahtgitterboxen zu sehen und aus der Hauswand wachsen Kisten, groß wie Hundehütten,
mit Fenstern, in denen Flaschen stehen und Vorhänge hängen. Nein, da wohnt keiner. Das ist eine Installation, eine Ausstellung des Nürnberger Künstlers Winfried Baumann. Doch, in anderen Ländern hausen Menschen in solchen Drahtverschlägen, die gerade mal groß genug sein dürften, dass eine Matratze hineinpasst, versichern die beiden vom Straßenkreuzer. Solche Boxen würden in Asien teuer an Wanderarbeiter und Arme vermietet, die je nach Lage dafür umgerechnet zwischen 300 und 800 Euro zahlen müssten. Zwar fielen bei dieser Art zu wohnen keinerlei Nebenkosten an, aber ein schönes Zuhause ist das nicht. 
Doch die Nürnberger als solche sind sozial eingestellt. Das Netz, welches Obdachlose auffangen soll, ist dicht geknüpft. Einige dieser Anlaufstellen zeigen Peter und Thomas, die ihre eigenen und teilweise langjährigen Erfahrungen mit dem Leben auf der Straße haben, von dem sie so gar nicht viel erzählen. Es gibt auch Obdachlose, die definitiv auf der Straße leben wollen. Die kann man in Nürnberg treffen, unterhalb der Brücke die zum Cinecitta führt. Solange dort alles sauber und ruhig bleibt, unternimmt die Polizei auch nichts dagegen. Wer mag, kann eine Kanne Kaffee oder Tee dort vorbeibringen, verraten Peter und Thomas. 
Für obdachlose Jugendliche und junge Erwachsene gibt es das Sleep In, eine betreute Jugendschlafstelle. Hier können sich die Ausreißer duschen, ihre Wäsche waschen, sich aus gespendeten Lebensmitteln etwas kochen und ein bisschen vor dem Fernseher abhängen. Nach dem Ausweis wird niemand gefragt. Ab 23 Uhr ist Nachtruhe. Sechs Nächte darf ein obdachloser Jugendlicher hier pro Monat verbringen, jeweils bis zum Morgen, dann geht es wieder hinaus auf die Straße. Wer wirklich aus der Szene heraus und wieder Fuß fassen möchte, der darf auch länger hier übernachten. 
Für obdachlose Männer gibt es 200 Übernachtungsplätze, für Frauen dagegen nur 15. Was auf den ersten Blick wie Diskriminierung aussieht, hat System. Denn die meisten Obdachlosen sind Männer. Frauen kriechen eher irgendwo unter und arrangieren sich, auch wenn es nicht schön ist. 
Der Haupttreffpunkt für die Obdachlosen ist der Nürnberger Hauptbahnhof. Streetworker kennen die Treffpunkte und gehen dort regelmäßig hin. 
Insgesamt kann die Stadt etwa 500 obdachlose Menschen unterbringen, wenn es nötig ist. Zu dieser Art der Unterkünfte zählen auch die Ausnüchterungszellen der Polizei. 
Im "Fenster zur Stadt", einer Einrichtung der katholischen Stadtkirche Nürnberg, können sich Obdachlose und andere Menschen aufwärmen, einfach sitzen, Zeitung lesen, es gibt Kaffee und Tee für den jeder das zahlt, was er sich leisten kann. Und es gibt Beratung, für den, der sie braucht und möchte. Personal- und Raumkosten zahlt die katholische Kirche, Kaffee und Tee werden über Spenden finanziert. So zahlt jeder, was er kann. 
Es gibt den Verein Kassandra e.V., der sich um Prostituierte kümmert, es gibt das Estragon, ein Restaurant, welches von der Aidshilfe betrieben wird. In diesem Projekt arbeiten Menschen, die behindert sind oder andere Schwierigkeiten haben. Nebenan bietet der Verein Lilith e.V. drogenabhängigen Frauen die Möglichkeit, wieder ins Berufsleben einzusteigen. Und natürlich der Straßenkreuzer selbst, der Obdachlosen neue Perspektiven bietet. In Nürnberg wird viel geleistet. 
Wer Interesse an einer solchen Stadtführung in Nürnberg hat, der kann sich an die Mitarbeiter des Straßenkreuzers wenden. Jederzeit. 





Sonntag, 24. November 2013

Das Gewitter und die Kerzen

Mit einem leisen Grummeln in der Ferne kündigt sich ein Gewitter an. Noch scheint die Sonne warm und golden, doch schnell ziehen dunkle Wolken vom Horizont heran und verdüstern die Stimmung. Zuckt der erste Blitz über den Himmel, knallt es anschließend richtig, je näher das Gewitter rückt. 
Bei der Uroma hieß es dann immer: "Guck nicht aus dem Fenster, damit du den Blitz nicht herlockst!"
In jedem Jahr sterben Menschen durch Gewitter. Aber es sind sehr viel weniger, als vor sechzig Jahren: 1950 starben jährlich etwa 100 Menschen, heutzutage sind es höchstens zehn Tote. Ob das daran liegt, dass sich weniger Menschen im Freien aufhalten? 

Durch einen Blitzableiter wurden die Häuser erst nach ca. 1750 geschützt. Denn geriet eines der Fachwerkhäuser durch einen Blitz in Brand, dann waren auch die eng stehenden Häuser in der Nachbarschaft gefährdet. 

Vorsichtshalber zündeten die Menschen vor knapp fünfhundert Jahren Gewitterkerzen an: Das waren schwarz durchgefärbte Kerzen, die besonders gesegnet waren. Weil die Kerzen aus den Wachsresten der Kerzen der Gedenkkapellen, wie beispielsweise Altötting, gefertigt waren, sorgte das Kerzenruß für die schwarze Farbe. Zum ersten Mal wurden die Gewitterkerzen 1675 erwähnt: Die Menschen stellten diese Gewitterkerzen nicht in einer Kapelle auf, sondern nahmen sie nach Hause. Zog ein Gewitter heran, wurde die Kerze angezündet und die Menschen beteten zu Gott, dass er ihr Haus und Hof, ihre Tiere und sie selbst vor dem Gewitter schützen möge. 

In der Volkacher Wallfahrtskirche Maria im Weingarten gibt es immer noch schwarze Gewitterkerzen, so wie früher. Mit einem Bildnis der Heiligen Anna, welche bei Gewitter als Schutzheilige angerufen wurde. Das katholische Brauchtum verlor sich zwar in den letzten fünfzig Jahren, doch manchmal schleichen sich solche Dinge wieder hinterrücks heran: Denn die Sehnsucht nach Produkten, die authentisch und emotional zugleich sein sollen, gibt es bei den Menschen immer noch. Deswegen sind selbst auf der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt Gewitterkerzen zu finden. Hier suchen die Einkäufer aus der ganzen Welt nach den Dingen, welche die Kunden dann im Jahr darauf in den Läden finden sollen. Nur einen kleinen Nachteil haben diese modischen Gewitterkerzen allemal: Sie sind nicht geweiht. 



Freitag, 15. November 2013

Eine Reise an das Ende der Welt


Ich hatte mir eine Tour durch die Wüste immer beschwerlich und schweißtreibend vorgestellt. In meiner Fantasie zogen mit Spezereien und Edelsteinen, Seidenstoffen und Aphrodisiaka beladene Kamele gemächlich Jahrhunderte alte Pfade entlang. Die Wege gesäumt von verendeten, unter ihrer Last zusammengebrochenen Tieren. Bleiche Schädel bleckten Zähne in die Sonne, durch hoch aufragende Rippenbögen pfiff Wüstenwind körnigen Sand. Reste graugelber Kamelhaut wehten gedörrt, von Aasgeiern zerrupft, über mumifizierten Leichen. Immer wieder die bange und lebenswichtige Frage: Ob dieser sandverwehte Pfad noch der richtige sei - oder würde er geradewegs in den hitzeflimmernden Horizont zu einer Fata Morgana führen, welche die Reisenden mit dem Trugbild einer Oase narrte und sinnenverwirrt verdursten ließ? Schwer bewaffnete und vermummte Söldner begleiteten und schützten Leiber und Leben der Reisenden und der Tiere. Denn manchmal überfielen mutige Krieger auf mageren Pferden die Karawanen, ihr Leben in den wenigen Oasen der Wüste war sonst zu schwer und karg.

Als ich die Reise ans Ende der Welt selbst begann, führte eine moderne Wüstenstraße geteert und schnurgerade zum Horizont, die scharf gezogenen Ränder von kleinen Sandwehen verwischt. Bis an den Südrand des alten Reiches fuhr ich in einem Konvoi klimatisierter Reisebusse.

Im Dunkel der Nacht noch hatte sich der Zug auf einem großen Parkplatz im Schutz der Militärs formiert, bevor es hinaus in die Todeszone ging. Blutjunge, hagere Soldaten in abgewetzten Uniformen und mit blank geputzten Uzis fuhren in jedem Fahrzeug auf den aussichtsreichsten Plätzen in der ersten Reihe. Ob gleich bewaffnete Männer aus den schwarzen Schatten der Sand- und Kiesberge die Busse stürmen würden?

Die Dunkelheit der Nacht ließ meine Fantasie Purzelbäume schlagen. Wie real war die Bedrohung?
Langsam zeigte sich am östlichen Horizont ein schmaler Lichtstreif, und genauso langsam erhob sich die Sonne zu ihrem täglichen Lauf. Die alten Ägypter glaubten, Nut, die alles überspannende, blaue Himmelsgöttin, schlucke jeden Abend die Sonne, um sie am Morgen neu zu gebären.

Die Straße war menschenleer. In größeren Abständen luden Haltebuchten ein, in der sandigen und felsigen Ödnis zu verweilen. Doch die Fahrzeuge rasten immer weiter. Ich warf einen Blick auf den Tacho: Die Nadel stand still am Anschlag. "Kaputt?" Der Fahrer schüttelte den Kopf unter seiner Kefijah: "No, madam. Maximum speed."

Drei lange Stunden bretterten die achtzig vollbesetzten Busse durch die nubische Wüste bis zu einem riesigen, mit Stacheldraht umzäunten, leeren Parkplatz. Flache Gebäude säumten eine Längsseite: Toiletten - am Ende der Welt wurde die Zivilisation von Wasserklos verteidigt. Die Händler auf dem Weg zum Gasthaus wurden munter und kamen mit ihren Waren aus dem Dunkel ihrer Verschläge heraus: "Parlez-vous Francais?" - "Do you speak English?" - "Sprechen Sie Deutsch?"

Woran sahen die Händler, in welcher Sprache sie ihre Tücher und Figuren anbieten mussten? Ich schaute an mir herab: Was unterschied mich von den Israelis, die hinter mir gingen?

Ich sah mich um. Lächelnde Japaner posierten mit dem Victory-Zeichen vor ihren Kameras, rotgesichtige Holländer wischten sich mit blaukarierten Taschentüchern den Schweiß von der Stirn, zierliche Französinnen trugen entgegen aller Empfehlungen nur einen Hauch an Stoff. Globetrotter aus aller Welt, in Khaki uniformiert und mit schweren Objektiven bewaffnet, schraubten an den Bajonettverschlüssen der Spiegelreflexkameras. Die Menge schob sich langsam zu einem flachen Gebäude, das von einem starken Metallzaun umgeben war. Schwer bewaffnete, junge Männer standen scheinbar gleichgültig herum. Doch unter den langen, schwarzen Wimpern musterten hellwache Augen jeden Einzelnen durchdringend beim Eintritt.

Hunderte von Menschen drängten sich durch die dämmerige Enge des Einlasses. Ausnahmslos jede Tasche wurde mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Noch ein kurzer Fußmarsch um den Hügel: Dort hielten sie ihre ewige Wacht. Seit 3.000 Jahren bewachen die ägyptischen Götter die nubische Grenze des alten Reiches. Ramses II. ließ einst die Tempel von Abu Simbel am Südzipfel seines Reiches bauen. Schon damals musste alles - Werkzeuge, Farbe, Brot und Zwiebeln - in Karawanen mühsam an das Ende der Welt geliefert werden. Nur die Steine nicht. Die Tempel wurden direkt in den Fels hineingeschlagen.

Menschenleer und vergessen lagen die Stätten über viele Jahrhunderte, bis sie wiederentdeckt wurden. Jetzt erwacht jeden Tag für zwei Stunden der freie Platz vor den Tempeln zu quirligem Leben. Reiseführer versammeln ihre Gruppen um sich und erklären mit Hilfe von Fotografien die Hieroglyphen und Bilder, die das Dunkel im Tempelinneren bewahrt hatte.
Ich ging langsam zum Eingang des Tempels. Schlachtenszenen und abgeschlagene Köpfe zeigten Eindringlingen, was ihnen bevorstand, wenn Ramses mit seinem Streitwagen die Feinde Ägyptens besiegte, um sie der Göttin des Krieges zu opfern. Was würde der Pharao zu den modernen Eindringlingen sagen, die die heiligen Hallen in Massen stürmten?

Ich ging in die Tempel hinein, sah die Menschenmengen sich an den Wänden entlang schieben. Ich suchte Reste von Erhabenheit, doch fand ich nur weinende Kinder, dozierende Väter, staunende Bildungsbürger, fühlende Esoteriker - alles schob und drängelte, es blieb kein Raum für Stille und Besinnung.

Im Allerheiligsten saßen Ptah, Amun-Re, Ramses und Re-Harachte im Dunkel. Nur zweimal im Jahr, zur Sonnenwende, schien die Sonne einen kurzen Augenblick lang, wie einen Lidschlag der Ewigkeit, auf drei der Statuen. Jetzt erhellte ein Scheinwerfer die Kammer tief im Fels, damit die Besucher staunen konnten. Der Gestank nach ungelüfteter Wäsche, nach Schweiß und Deodorant, nach Schimmel und bereits hundertfach geatmeter Luft ließ mir den Raum immer kleiner werden. Rückten die Wände zusammen? Brauchten die Götter neue Nahrung?
Ich eilte hinaus, stolperte fast, geblendet vom Mittagslicht. In der Ferne glitzerte Wasser, kleine Wellen schlugen an steinige Ufer. Nichts wuchs rund um den See, der doch Leben spenden sollte und zur Bewässerung gestaut wurde. Ein Baum reckte schwarze, dürre Äste ins Himmelblau.


Im Mittagslicht auf der Rückfahrt sah ich, dass die Wüstenstraße wirklich von Kadavern gesäumt war: Zerfetzte Karkassen toter Reifen lagen zwischen Steinen, Geröll und Sand, waren der Jagd auf den Horizont mit maximaler Geschwindigkeit zum Opfer gefallen.

Mittwoch, 6. November 2013

Intermezzo --- Exit Marrakech

Ist derjenige Vater ein guter Vater, der abends um sieben am Bett seines Kindes sitzt? Das fragt Ulrich Tukur als Heinrich, als er mit seinem Sohn, dem unbekannten Wesen, unterwegs in Marrakech ist. Was macht einen guten Vater oder eine gute Mutter eigentlich aus? Man bringt das Kind zur Welt und hat ab dann 18 Jahre lang Zeit, es groß werden zu lassen, bis es gehen kann, laufen und alleine stehen kann. Wenn es dann geht, und sein Leben alleine meistert, ohne ständig am Rockzipfel zu hängen, dann weiß man, dass es gelungen ist. Dann, wenn sie gehen, ohne zurückzublicken.
Danach war Heinrich kein guter Vater. Denn Ben versucht in dem Film von Caroline Link: Exit in Marrakech zwar auszubrechen und seinen eigenen Weg zu gehen. Ben ist sich selbst überlassen, entdeckt die Welt, doch angenehmerweise hat er dank seiner Eltern auch das nötige Kleingeld dazu. Selbst verdient ist da nichts. Und so kann er auch unbekümmert in den Tag leben und sich vergnügen, ohne Verantwortung zu übernehmen, weder für sich, noch für andere. Denken? Och, das ist doch was, wenn die Schule wieder losgeht, damit die Noten auf dem Zeugnis stimmen... Aber doch nichts, was einen selbst betrifft.
Einen Augenblick lang schien es, als würde Ben wachsen, groß werden, erwachsen werden. 
Doch zum Schluss landet er wieder bei Mama und Papa und der vierjährigen Halbschwester, die er endlich kennen lernt und mit der er spielt. Schöne Idylle. Erwachsen ist anders.  

Samstag, 2. November 2013

Nicht alle Heiligen - nur 14 Nothelfer

Weil man schließlich - wie in jeder ordentlichen Behörde - nicht mit jeder Kleinigkeit den Chef behelligt, gibt es in der Kirche die dafür zuständigen Heiligen: Ob bei Halsweh oder Schusseligkeit - immer gibt es einen, der dafür zuständig ist. Die Personalabteilung für die Heiligen ist die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse in Rom, die legen gewissermaßen fest, für welche Aufgaben und Nöte der entsprechende Heilige zuständig ist. 

Der Patron der Schusseligkeit: Antonius
Das ist in der Kirche nicht anders, als bei einem Oberbürgermeister oder dem Bundespräsidenten: Nur, weil ich einen neuen Personalausweis brauche, meinen Sperrmüll loswerden will oder eine Garage bauen möchte, frage ich ja auch nicht den oberen Stadtchef, sondern eben jene subalternen Mitarbeiter, die dafür zuständig sind. 

Am Feiertag Allerheiligen wird nun an alle Heiligen gedacht. Damit keiner vergessen wird, sind alle im Martyrologium Romanum verzeichnet: Neben 6650 Seligen und Heiligen, die namentlich bekannt sind, gibt es noch 7400 namentlich unbekannte Märtyrer. Bis  zum frühen Mittelalter hat quasi das Kirchenvolk selbst entschieden, wer heilig ist und Wunder bewirkt hat. Später kümmerte sich die Zentrale in Rom lieber selbst darum. Ab jetzt wurde nur noch in einem ordentlichen Verfahren heiliggesprochen. 

Eine Seite des Nothelfer-Altars
Die 14 Nothelfer sind Heilige aus den ersten Jahrhunderten der Kirche, sie wurden bereits im 9. Jahrhundert verehrt. In dieser Zeit waren die Menschen ohnmächtig gegenüber Krankheiten und Seuchen, wie der Pest. Auch gegen Hunger, Krieg und Brände schien nicht viel zu helfen - also wurde gebetet. Wer in dieser Zeit viele Heilige anrief, der sicherte sich nach dem damaligen Verständnis auch mehr an Schutz und Beistand. Deswegen wurden im 13. /14. Jahrhundert viele Kirchen den Nothelfern geweiht. Bis heute gibt es in ganz Europa über 800 davon. 

Vierzehnheiligen mit eingerüsteten Türmen
Unweit von Staffelberg und Lichtenfels steht in Oberfranken eine große Basilika der Vierzehnheiligen. Innen, unter dem Altar mit den vierzehn Heiligen darauf, ist eine Öffnung, durch die der Boden zu sehen ist, auf dem die Heiligen erschienen. Der Klosterschäfer Hermann Leicht sah vierzehn Gestalten, die Nothelfer, die ihn baten, an dieser Stelle eine Kapelle zu bauen. 1772 wurde die Barockkirche nach Plänen von Balthasar Neumann errichtet: Damals hat sich keiner über die Höhe der Baukosten beschwert, im Gegenteil, es konnte nach dem Ende des dreißigjährigen Krieges nicht prunkvoll genug sein. 

Bauzeichnung der Basilika 
Nach den himmelaufragenden Kirchen der Gotik und den Saalkirchen der Renaissance sollten die Kirchen des Barock prachtvoll sein - einen Gegenpol zum Sterben und zum Dunkel bilden. Die beiden großen Konfessionen waren und blieben verfeindet. In den Barockkirchen ist die Decke mit dem Himmel großflächig bemalt. Weil inzwischen dank der neuen Mathematik von Leibniz, Kepler und Newton Kurven, Parabeln und Hyperbeln berechnet werden konnten, nutzten die Baumeister diese Kenntnisse. Auch der Innenraum von Vierzehnheiligen ist als Ellipse konstruiert. Die Malereien an den Wänden und die Skulpturen gehen ineinander über und es sieht alles ein bisschen aus, wie in einem Schloss.