Dienstag, 18. Februar 2014

Bamberg: Ausstellung in der Villa Concordia

Kunst ist, wenn man trotzdem lacht...
Neulich, auf Facebook, rutschte eine Einladung über meinen Bildschirm: In der Villa Concordia in Bamberg könne ich Kunst gucken gehen. Für umsonst. 

Warum auch nicht. Es war schließlich Sonntag, und nichts zu tun. Wer will denn schon sonntags arbeiten? Also auf nach Bamberg. 

Auto geparkt und den Rest gelaufen, durch enge Gassen und an alten Häusern vorbei. Im Innenhof eines dieser Häuser zogen sich die Elektrokabel außen an der Hauswand entlang. Am Gässchen endete an einer großen barocken Villa: Villa Concordia, was so viel wie Harmonie oder Einklang heißt. Die Treppenstufen sind beschriftet und über dem Gulli an der Straßenecke kniet eine junge Frau. Als wir fast an der Eingangstür angekommen sind, flitzt sie an uns vorbei, öffnet und entschuldigt sich kurz, weil sie so schmutzige Hände hat. Ihr sei der Schlüssel in den Gulli gefallen und sie müsse ihn wieder rausfischen. 

Sie führt uns nach oben, in den Anbau, in die Ausstellung. Erläutert kurz das Konzept der Villa, die an elf Monaten im Jahr für zwölf Künstler eine Heimat bietet. Bis zum 9. März sind also hier noch die Bilder von Nikita Alexeew zum Thema "Das Ufer" zu sehen. 

Auf einer Wand sind das einfach Fotos. Fotos von der Regnitz. Einmal das rechte Flussufer, einmal das linke. Immer abwechselnd. Lustig werden die Fotos erst durch die Texte, die darunter zu lesen sind. Hier vergleicht Alexeew die Regnitz mit dem Styx, dem Fluss, den nach der griechischen Sage die Toten überqueren, mit Charon als Fährmann. Doch wer über den Styx reist, kommt gewöhnlich nicht zurück. So lange eine Flussüberquerung dauert, so lange ist es nicht sicher, auf welchem Fluss die Fähre unterwegs ist. Erst wenn das Ufer in Sicht kommt, lässt sich ein Wasser vom anderen unterscheiden. 



Während Alexeejew von einem Ufer zum anderen gondelte, ob auf dem Styx oder der Regnitz, Charon von der Fähre sprang, saß dort am Ufer und bastelte in seiner Phantasie fragile Gebilde aus Treibholz und bannte sie mit Aquarell auf Papier. Serielle Fotos, serielle Zeichnungen. Sehr schön. Ich habe versucht, den Titel des Bildes jeweils zu entdecken, manchmal ist es mir gelungen, jedenfalls glaube ich das, aber nicht immer. Es darf auch immer etwas Geheimnisvolles dabei sein, ich muss nicht alles so verstehen und sehen, was der Künstler so gemeint hat. Ich bin ja nicht im Schulunterricht und muss herauskriegen, was jetzt der Lehrer von mir hören will. So zerbrechlich stehen die gemalten Skulpturen auf den Bildern am Strand, dass auf den ersten Blick klar ist: Halten würde das nicht. Wie Luftschlösser oder tanzende Elfen stehen sie am Ufer eines beliebigen Flusses. 

Ein zweiter Teil der Ausstellung ist im alten Rathaus in Bamberg. Einige Videoloops von Manuel Graf, die sind kurz genug, damit ich sie in ganzer Länge angucken kann. Das finde ich in anderen Ausstellungen oft sehr schade, da sind entweder zu viele solcher Installationen oder die dauern so lange, dass ich dann doch lieber weiter ziehe. Jedenfalls sind sie lustig: Eine erinnerte mich an das Bleigießen an Silvester, da entstanden digitale Blasen und Gebilde, die auch benamst wurden. Auf einem Stuhl stand ebenfalls ein Bildschirm und verzog die Lehne. Drei zerrissene Stücke waren dort von Leonid Tsvetkov, und auch hier stand etwas von Nikita Alexeejew: Wurden im Mittelalter die Reliquien der Heiligen verehrt und die Knochen nach dem Tod in reich verzierte Kästchen gesperrt, so geschieht selbiges mit den Dingen, welche heutzutage von den Mächtigen benutzt werden. Diese werden ebenfalls heilig gehalten und hoch verehrt. Doch woher wollten wir denn wissen, ob Magritte jenes Trinkglas oder Warhol jene Taschenlampe, Krupp diesen Schlüssel oder Mussolini ein Schweizer Taschenmesser hatte? In ihrer industriellen Fertigung sind die Gegenstände derart austauschbar, dass die auratische Aufladung durch deren Benutzung unsichtbar ist. Das gilt ebenso für Goethes Federkiel, aber der war wenigstens handgeschnitzt. Alexeejews Zeichnungen vom Schlüssel, Trinkglas, Taschenlampe oder Taschenmesser sind mit ihrer zuweisenden Beschreibung ein spöttisches Augenzwinkern. Nehmt alles nicht so ernst.

Wie gesagt. Schön war es, vergnüglich und pfiffig.
Wer noch will und noch nicht hat, der sollte sich beeilen: Bis zum 9. März ist nicht mehr viel Zeit.  
Ach so. Der anfangs erwähnte Schlüssel wurde aus dem Gulli befreit. Und mit vereinten Kräften das eiserne Gitter wieder richtig eingesetzt. Also: Alles ist am richtigen Platz, Schlüssel, wie Gullideckel. 

Samstag, 15. Februar 2014

Karpfen - eine Annäherung

Bei meiner ersten Begegnung mit einem Karpfen war ich sieben Jahre alt: Der Karpfen schwamm in unserer blauen Kinderbadewanne, die auf dem Fußboden in der Küche stand. Ich kniete neben der Wanne und schaute fasziniert zu, wie der Fisch seine gering bemessenen Runden drehte. Vorsichtig steckte ich die Hand ins Wasser und streichelte den Karpfen vorsichtig über den Rücken. Iiiih. Glitschig und kalt. Ich wähnte mich mutig. Noch mutiger war mein kleiner Bruder, fünf Jahre jünger als ich. Der steckte die Arme bis über beide Ellenbogen in das Wasser, wollte den Fisch fangen und haben. Es gab einen lauten Platscher und er kippte kopfüber in die Wanne, gleichzeitig sprang der Fisch hinaus und zappelte wild auf dem Fußboden. Brüderchen saß breit grinsend und patschnass im Wasser, freute sich ganz offensichtlich und stemmte die Hände auf dem Wannenrand. Es ist erstaunlich, wie kleine Jungs eine für alle anderen offensichtliche Niederlage sofort in einen Sieg für sich ummünzen. Jedenfalls war alles zusammen eine schöne Sauerei, überall Wasser und der kleine Bruder ebenfalls patschnass. Ich glaube, da hatten meine beiden Eltern eine Weile zu tun, bis alles wieder trocken war. 

Ich war längst erwachsen und hatte ein Kind, als ich die nächste Begegnung mit einem Karpfen hatte, der in Stücke geschnitten und blau zu Heiligabend auf dem Teller mit dem Goldrand lag. Das freundlich gemeinte Angebot an das Kind, es könne auch Fischstäbchen essen wies selbiges empört zurück: "Ich bin doch kein Baby mehr". Dabei blieb es. Zwar isst keine meiner Lieblingshausziegen Fisch, aber der Karpfen zählt nicht zu dieser Gattung. Vielleicht haben das ja die Mönche auch so gesehen, die seit dem Mittelalter den Karpfen in Weihern züchteten. Karpfen, nun ja. Wenn es sein musste, dann habe ich ihn gegessen, aber so überragend fand ich ihn nicht. Es ist mit dem Karpfen wie mit vielen anderen Dingen auch: Weil er teuer war, gab es ihn selten. Heiligabend war ein besonderer Abend, da musste auch das Essen dem Anlass entsprechend angemessen sein. In diesem Fall gab es den Karpfen aus der Tradition der bürgerlichen Küche heraus, weil es schon immer so war und selbst die Lieblingshausziegen führen diese Familientradition fort, weil es sich nun einmal so gehört, keiner außer ihnen sie weiter führen kann. Und weil der Karpfen zu Weihnachten kein Zankapfel war, sondern ein Symbol: Der Tisch war weiß gedeckt, mit dem Goldrandgeschirr und Silberbesteck, jeder hat sich extra und ordentlich angezogen und nach dem Essen wurden auch die Geschenke überreicht. 

Jetzt in Franken kann ich den Karpfen (fast) nicht mehr übersehen: denn die Fische stehen in Beton gegossen oder Stein gemeißelt überall herum: In Forchheim steht er beispielsweise am Taubenmarkt, am Flussufer der Wiesent, in Höchstadt in der Mitte eines Verkehrskreisels. Grund genug, ihm ein wenig nachzuspüren. Zwar habe ich ihn bereits auf dem Teller gesichtet, doch da war er nicht mehr am Leben, sondern landete nur über meinem Hosenbund im Karpfengrab. Fisch ist gesund. Sagt die Apothekenumschau ebenso, wie viele andere Ratgeber. Überall sollen die Menschen, damit sie nicht nur älter werden, sondern auch dabei gesund bleiben, Fisch essen: Esst! Viel! Fisch! lautet der gängige Imperativ. 

Greenpeace warnt allerdings als Wächter aller Fische vor dem Verzehr derselben: Es werden mit zerstörerischen Fangmethoden so viele Fische aus den Meeren gefischt, dass es in Kürze keine mehr gäbe. Eigentlich dürfe man keinen einzigen Speisefisch  mehr guten Gewissens essen. Bis auf den Karpfen. Diesen könne der Mensch ganz ohne Bedenken verspeisen. Doch viele mögen ihn nicht: Er sei zu fettig, schmecke wie ein Muffmolch und habe zu viele Gräten. Das erinnert mich an einen Besuch bei Anglern, die rund um ihren Teich ein Fest feierten: Es gab Bratwurst und Kuchen. Ich fragte nach Fisch und bekam zur Antwort: Den äßen sie nicht. Das kam mir damals so vor, als ginge ein Vegetarier auf Jagd. Warum, um Himmels willen, fängt ein Angler einen Fisch, wenn nicht, um ihn - so er groß genug dafür ist - zu verspeisen? Des Menschen Wille ist zwar sein Himmelreich, aber nur für ein Foto zieht man doch keinen kapitalen Karpfen oder Hecht aus dem Wasser, liefert sich vorher einen langen Kampf, weil der Fisch nun einmal nicht freiwillig an Land kommen will, auch wenn er am Haken hängt. 

Es bleibt spannend. Zumal ich irgendwann auch dem lebenden Karpfen auf die Schuppe rücken möchte. Wer hat einen Karpfenweiher und lässt sich über die Schulter sehen?


Donnerstag, 13. Februar 2014

Unterwegs im Aischgrund

Je kleiner die Straßen werden, die in den Aischgrund führen, desto lauter knirschen die Reifen des Autos auf der Fahrbahn. Der Winter ist noch einmal zurück gekommen und hier wird weder geräumt, noch gestreut. Weit geht der Blick über die Ebene, hier gibt es keine Berge als Begrenzung. Die Kirchtürme der Dörfer ragen über den Feldern und Teichen hoch wie die Leuchttürme am Rand der Meere und zeigen an: Hier in den Häusern überall wird gewohnt und geliebt und gegessen und gelacht. 
Überall und rundherum ist Wasser. Nicht so, wie an der Nordsee, an einem Stück, sondern in vielen kleinen Teichen, einer am anderen, einer neben dem anderen. Zwischen den Teichen kann ich gehen. Es gibt richtige Wege, die auch extra gekennzeichnet sind, aber ich kann auch oben über die Dammkronen stiefeln. Das ist ein bisschen wie Hüpfekästchen, nur dass es hier besser ist, wenn ich die Hüpfekästchen, das heißt, die Teiche, nicht treffe. Sonst werde ich nass. Leider kann ich nicht sehen, ob die Teiche auch bewohnt sind. Aber die Reiher ringsherum wissen das sicherlich besser, als ich. Die sitzen und waten und warten. Geduldig. Sie haben Zeit. Mehr als ich. 

Der gewöhnliche Teichbewohner im Aischgrund ist der Aischgrund-Karpfen, der hier seit mehr als 1250 Jahren gezüchtet wird. Weil die Kirche Fastenzeiten verordnete und weil der Karpfen als Fisch in dieser Zeit erlaubt war. Außerdem schmeckt er gut, wenn er ausreichend gewässert wurde. 
Der unschätzbare Vorteil einer Wanderung im Winter durch den Aischgrund ist außerdem: Es sind in dieser Jahreszeit garantiert keine Mücken unterwegs. Wie das im Sommer ist, weiß ich noch nicht. Das wird sich dann zeigen, wenn es so weit ist. Jetzt ist das Schilf weiß überzuckert, ein Hase macht Männchen und ich wusste gar nicht, dass Hasen so groß werden können. Der guckte bestimmt mehr als einen halben Meter hoch. Rehe laufen gemächlich, entweder sind sie an Spaziergänger gewöhnt, oder sie erwarten keine und sind deswegen unbekümmert. Wer weiß das schon. Nur eines, das ein wenig hinter den anderen her trödelt und mir daher näher kommt, kriegt einen Schreck und beeilt sich lieber. 

So ein Hüpfekästchenwandern ist sehr nett. Erst geht es eine Weile in die Richtung, aus der die Sonne scheint, und dann zurück. So ganz ohne Plan. Die Suche nach dem Auto, welches im Irgendwo am Straßenrand steht, ist dann der Stresstest: War ich nun an diesem Teich vorbeigegangen, oder am nächsten. Klar ist: Das Dörfchen, welches gerade vor mir liegt, dort war ich nicht. Also geht es wieder zurück, bis dorthin zu der kleinen Wegkreuzung, wo ich bereits auf dem Hinweg vorbeikam. Kurz vorher zweigt ein schmaler Pfad links ab. Jetzt zeigt sich der eindeutige Vorteil von Schnee, Matsch und Winter: Meine Stiefelspuren sind deutlich zu sehen. Puh. 
Das Auto wartet. 
Zur Belohnung gab es einen Krapfen. In Höchstadt. Mit einer Füllung aus Hagebuttenmark, das hier in Oberfranken Hiffenmark heißt. Allerdings las ich erst auf dem Schild, das vor der Bäckerei stand: Karpfen. 
Karpfen und Krapfen. 

Sonntag, 9. Februar 2014

Märchenstunde in Forchheim

Das ist echt gemein von den Gebrüdern Grimm: Sie verrieten einfach nicht, was der Junge in dem Kästchen fand, das er mit dem goldenen Schlüsselchen öffnete:
"Er probierte, und der Schlüssel passte glücklich.
Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen." (Kinder- und Hausmärchen: Der goldene Schlüssel)

In der Forchheimer Kapelle St. Gereon las Rainer Streng einige weniger bekannte Märchen der Gebrüder Grimm vor und Christian Elsas spielte dazwischen auf dem Klavier. Erst eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung las ich die Mail, in der ich gefragt wurde, ob ich nicht Lust auf einen Märchenabend hätte. Zwar war ich gerade erst vom Ausflug zurück, doch mit der Aussicht auf einen Märchenabend wurde ich flugs wieder munter. Und so schön, wie ich es erhofft hatte, wurde es auch. Die Musikstücke woben ein Gespinst, in dem die gelesenen Märchen sicher ruhten. Es war wie ein Zauber des Augenblicks, mit einem Fallen-Lassen in die Erzählung. Ich meine, wer von den Erwachsenen bekommt denn heutzutage noch etwas richtig vorgelesen. Klar, ich kann mir ein Hörbuch kaufen, doch das ersetzt nicht die Stimmung, die in dieser mittelalterlichen Kapelle mit ihrem kargen Schmuck herrschte, in der jemand in echt und live vorlas. 

"Ich gehe doch nicht zu einer Märchenstunde", werden wohl die Männer gepoltert haben, deren Frauen lieber die Märchenlesung, als Olympia auf dem Fernsehbildschirm erleben wollten. An diesem Abend waren Frauen eindeutig in der Überzahl. Überhaupt: Von mehr als 100 Märchen und Geschichten, welche Jacob und Wilhelm Grimm einst zusammentrugen, sind den meisten Menschen nur ein gutes Dutzend wirklich bekannt. Als da wären: Dornröschen, Aschenputtel, Hänsel und Gretel, der gestiefelte Kater, Schneewittchen, Frau Holle, der Wolf und die sieben Geißlein, König Drosselbart, der Froschkönig, Rumpelstilzchen, die Bremer Stadtmusikanten, Brüderchen und Schwesterchen, Tischlein-deck-dich... Aber um diese ging es an diesem Abend gar nicht. 

Mit "Es war einmal... " beginnen viele dieser Märchen und erzählen von einem Glück, welches nur auf den Finder wartet. Doch vor dem erlösenden "... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute", passiert so viel Schreckliches, dass längst darüber diskutiert wird, ob man Kindern solche Grausamkeiten noch vorlesen könne. Denn in ihnen wird Gewalt beschrieben: Kinder werden aus dem Haus gejagt, gequält und verstoßen, Frauen werden unterdrückt, genötigt, werden als Hexen gebrandmarkt und in den Ofen geschoben.

Kinder waren an diesem Abend nicht anwesend, doch die Anwesenden wurden wieder wie zu lauschenden Kindern: Kein Laut war zu hören, jedenfalls nicht, solange Rainer Streng las oder Christian Elsas spielte. Sämtliche Pausenhuster beschränkten sich auf dieselben. Das einzige Geräusch, welches störte, kam von außen, immer dann, wenn ein Auto auf der nassen Straße vorbeifuhr und die Reifen über den Asphalt quatschten. 

Überhaupt: Es war erstaunlich voll, auch wenn die Gereonskapelle klein ist und nur etwas mehr als 100 Menschen einen Sitzplatz finden. Märchen sind offensichtlich doch mehr, als nur etwas für kleine Kinder. Zwar können die alten Märchen nichts über das komplizierte Leben in der Moderne erzählen, denn sie entstanden weit vor dieser Zeit. Trotzdem sprechen sie junge Menschen genauso an, wie ältere. Was also bieten die Märchen, so dass die Zuhörer einen Eintritt zahlen, damit sie diese hören können?

Schiller schrieb einmal über die Märchen: "Tiefere Bedeutung liegt in dem Märchen meiner Kinderjahre, als in der Wahrheit, die das Leben lehrt." (Die Piccolomini)
Neben ihrem wörtlichen bieten die Märchen einen tieferen Sinn, sie sprechen die Menschen an, weil sich in ihnen die persönlichen Entwicklungen als Gleichnisse, als Orientierung, als Handeln am Beispiel, erfahren lassen: Wer nur eine kleine Maus ist, und sich mit der Katze anfreundet, die schmeichelt und sich verstellt, der muss sich nicht wundern, wenn er gefressen wird.

Höre ich einem Märchen zu, dann lebe ich für eine kurze Zeit in einer Phantasie, wie auch immer die Wirklichkeit aussehen mag. Deswegen sind für mich die alten Märchen wie ein altes Schatzkästchen: Wer den goldenen Schlüssel findet, bekommt mit diesem den Zugang zu einem wirklichen Reichtum. 







Freitag, 7. Februar 2014

Webmasterfriday: Wer bin ich

Weil Martin vom Webmasterfriday den Überblick verloren hat, möchte er gerne wissen, wer eigentlich die Blogs betreibt. Und so gibt es heute einen 

Blog-Steckbrief in eigener Sache

Wer bist Du und was von deinem Privaten ist für den Blog relevant?
Wie viele andere Menschen auch, bin ich eine Sammlung aus den unterschiedlichsten Rollen: Frau, Muttertier, Schreiberin, Beobachterin, Fotografin, Köchin, in Kürze Oma... (hier lassen sich bei Bedarf auch noch mehr aufzählen). 
Ich gehe gerne wandern. Das ist für den Blog im Moment relevant. Manchmal kommt ein Rezept dazu, oder auch Gedanken zu anderen Dingen. Ich habe den Blog in 111 Sachen in Franken machen umbenannt, als ich im Sommer nach Franken zog.Und weil es sich immer noch wie Urlaub anfühlt, wenn ich hier unterwegs bin, Orte entdecke und dann darüber schreibe. Persönlicher wird es eher auf meinem anderen Blog. Doch dort schreibe ich im Moment nicht so häufig.
Einen anderen Blog habe ich kürzlich mit der Lieblingshausziege eröffnet: Auf Muttertierleben schreibe ich über das Leben mit einem Teenie, und sie antwortet oder schreibt eigene Gedanken auf ihrem Blog. Mal sehen, was daraus wird. 

Wie lange bloggst Du schon?
Seit sieben Jahren. Inzwischen bereite ich den Umzug von blogspot auf eine eigene Webseite vor. Demnächst. Wenn mal Zeit ist, alles fertig zu stellen.  

Was ist das Hauptthema Deines Blogs und welches sind Deine erfolgreichsten bzw. wichtigsten Artikel bisher?
Vor sieben Jahren habe ich mir über mein Blogthema keine Gedanken weiter gemacht, ich habe einfach gebloggt, was mich interessiert hat und was mir so einfiel. Manchmal verging relativ viel Zeit zwischen den einzelnen Posts, weil ich ja auch mein Geld mit dem Schreiben verdiene. Die Konzentration auf die Entdeckungen in Franken und die Beschreibungen davon hat sich deswegen herauskristallisiert, weil die Beiträge über Wanderungen am Erfolgreichsten waren. Das hatte ich ursprünglich gar nicht so geplant, zumal diese ersten Wanderposts eigentlich nur "Zweitverwertung" waren, von meinen Artikeln, die in der Zeitung standen. 

Hast Du Ziele mit deinem Blog? 
Bisher nicht. Wenn ich allerdings die Wander- und Entdeckerposts dann auf einer eigenen Webseite habe, kann es schon sein, dass ich diese zu einem Buch zusammen fasse. Außerdem bin ich gerade dabei, eine Reihe von Texten zu schreiben, die sich um den Weg zu einem persönlichen und kreativen Reise- oder Wandertagebuch drehen. Ob das nun ein Buch wird, oder ich diese als Blogbeiträge veröffentliche, das weiß ich noch nicht. Mal sehen. Bisher trage ich Ideen zusammen, sammele kreative Techniken, probiere selber diese Dinge aus und lese viel dazu. 

Welche anderen Blogs liest Du gerne? 
Da gibt es eine ganze Menge, so viele kann ich hier gar nicht aufzählen. Aber drei möchte ich doch erwähnen: 
Isabel Bogdan (die ich in einem Seminar in Wolfenbüttel kennen gelernt habe) 
Frederik Weitz (der viel über die Struktur von Sprache und Schrift schreibt und Videos dazu veröffentlicht) 
Kolumnen lese ich immer gerne (da gibt es oft was zum Lachen)

Dienstag, 4. Februar 2014

Staffelberg - das Picknick

Weil auf dem Staffelberg einst die keltische Stadt Menosgada war, wollte ich auch ein keltisches Picknick machen. Leider haben die Kelten kein Kochbuch hinterlassen. Aber zur gleichen Zeit lebten die Römer, daher gibt es Rezepte. Getreide gab es: Deswegen habe ich ein panis militaris mundus, ein Militärbrot mit Hefe, gebacken. Das muss man sich mal vorstellen: Etwa acht bis zehn Soldaten bildeten eine Zeltgemeinschaft, und hatten eine Getreidemühle. Mit dieser wurde die tägliche Ration gemahlen. 

Zu dem Vollkornmehl kam Wasser, Salz und Kräuter und im Fall des panis militaris mundus auch Hefe. Ohne Hefe wären es flache Fladen geworden, eher hart, aber so experimentierfreudig war ich doch nicht. Gebacken habe ich das Brot einfach in der Pfanne, in der ein wenig Öl war: Ich gehe mal davon aus, dass in einem römischen Feldlager kein Backofen stand. Die Lieblingshausziege fand es lecker. 


Dazu gab es Linsen, auch ganz römeruntypisch in der Pfanne auf dem Herd geschmort, mit Zwiebeln, Möhren, Lauch, Brühe und Schafskäse. Weil es bei den Kelten bereits Viehhaltung gab, durfte so viel Luxus beim Picknick sein. 
Mal sehen, wo es das nächste Mal in Franken hingeht.
Sollte jemand Lust bekommen haben und möchte mitkommen, dann sollte er sich melden. Alles weitere dann per Mail oder so. 






Montag, 3. Februar 2014

Der Staffelberg im Gottesgarten

Von Himmelhoch oben, wenn ich vom Staffelberg runtergucke, von dort ist die Aussicht großartig. Und das erst recht deswegen, weil der oberste Teil des Berges gut 50 Meter über allem thront. Nichts versperrt die Sicht, nur ein bisschen Dunst liegt über der Mainebene, aber das sieht nur aus, als wären die Fenster dorthin länger nicht mehr geputzt worden. Nur muss ich zuerst hinauf kommen: 

Der Weg jedenfalls ist gut beschildert, gefühlt ist jeder dritte Baum mit den Piktogrammen bestückt, die den Weg anzeigen sollen, selbst dort, wo rechts und links nur Wiese und Feld ist und ich mich eigentlich nicht verlaufen kann, weil nur ein einziger erkennbarer Weg nach oben führt. 

Eine einsame Schuhsohle liegt im Straßengraben. Ich hatte schon geahnt, dass der Aufstieg anstrengend sein würde, ja, aber so? Es sind doch nur insgesamt 200 Höhenmeter. Der Lieblingshausziege bin ich zu langsam: Im Takt der Musik ginge es schneller, behauptet sie. Also kriege ich ihre Kopfhörer auf die Ohren, während sie den MP3-Player in der Hand behält und mich so quasi an der Leine zieht. Der Weg geht zunächst durch einen Waldgürtel bergan. Auf den beiden nächsten Ebenen, die durch Hecken voneinander getrennt sind, liegt noch Schnee und knirscht unter den Stiefeln. Anschließend wird es steil und matschig. Hier hat die Sonne den Schnee auf dem Weg schon getaut und mit jedem Schritt pappt etwas mehr Matsch an den Sohlen, die so immer schwerer werden. Deswegen lasse ich den Blick lieber auf dem Boden, spiele nicht Hans-Guck-in-die-Luft, sonst rutsche ich weg und lande auf dem Po. Aber irgendwann bin ich oben. Unter einem Kreuz ist ein Tisch, der jetzt dem Rucksack als Ablage dient. Als fünfzig Meter entfernt eine Frau von ihrer Bank aufsteht, flitzt die Lieblingshausziege los und lässt sich dafür das angebissene Brot ebenso wie den Kopfhörer mit Musik hinterhertragen.

Hier von oben reicht der Blick weit, die Autobahn lärmt unten, die Giebel der Häuser in Bad Staffelstein leuchten sonnenhell. Von hier oben sieht alles proper aus. Alles eine Frage der Perspektive: Wer nahe genug am Himmel ist, den kümmert der Kram am Boden wenig. So hoch auf dem Gipfel stehe ich alles überragend, hervorragend eben.

Weil in Bayern auf allem, was höher als ein Maulwurfshügel ist, ein Kreuz steht, sind hier gleich vier davon versammelt. Ist ja auch der Staffelberg. Ursprünglich haben hier oben die Kelten in der Stadt Menosgada gewohnt, 300 Jahre, bevor Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Wasser aus einem Brunnen gab es hier oben keines, das musste von weiter unten geholt werden. Nur eine Zisterne sammelte damals das Regenwasser. Drei Hektar groß ist das Hochplateau, auf welchem die Akropolis stand. Der einzige Zugang war damals vom Norden, dort ist heute der Fahrweg für die Belieferung der Klause, einer kleinen Hütte, in der es für Wanderer und Ausflügler etwas zu essen und trinken gibt. Inzwischen kann der Staffelberg von allen Himmelsrichtungen aus bestiegen werden, irgendein Weg findet sich immer. Und von den einst rundum angelegten steinernen Mauern zur Befestigung steht auch nichts mehr. Nur ein kleiner Rest davon ist noch zu sehen, wieder aufgebaut von den Archäologen, welche einige Löcher im Felsboden als Löcher für Mauerstützen identifizieren konnten. 

Nach den Kelten siedelten die Germanen hier oben und hatten hier ebenfalls eine Burganlage. Später musste natürlich auch eine Kirche aufgebaut werden. 
1525 im Bauernkrieg zerstört, wurde das Kirchlein nach dem dreißigjährigen Krieg wieder erneut errichtet. An der Stelle, wo heute neben der Kirche die kleine Wirtschaft steht, wohnten früher gut 250 Jahre lang Eremiten. Joseph Victor von Scheffel erwähnt einen davon in einem seiner Gedichte 

Die Kirche ist der heiligen Adelgundis gewidmet und wahrscheinlich auf einer heidnischen Kultstätte errichtet. 
Die Felsen sind steil und am Rand zerklüftet. Die Lieblingshausziege fand Spuren auf einem schmalen Pfad, die den Berg hinunter führen und wäre ihnen gerne gefolgt. Ich hätte ja auch Lust dazu gehabt, aber der Schnee - nein, hier blieb ich lieber mütterlich besorgt und wir gingen einen ganz normalen Weg hinab, weshalb die Lieblingshausziege ordentlich beleidigt war, und dann nach rechts über die Wiesen, damit die Richtung zum Auto stimmte. 
Weil ich vorher von einer fixen Idee geplagt war, gab es Picknick nach keltischer Art: Rezept folgt. 
Und was ich - allerdings nicht bei dieser Kälte - wirklich gerne machen würde: Drei Tage auf dem Staffelberg verbringen. Unter dem weiten Himmel. Zum Staunen und Schreiben.