Sonntag, 27. Oktober 2013

Intermezzo --- alles nur gut gemeint: eine Lehrerfortbildungsmaßnahme

Wenn etwas gut gemeint ist, heißt das nicht zwangsläufig, dass es auch gut gemacht oder gar sinnvoll ist. Dass sich selbst Lehrer fort- und weiterbilden müssen, obwohl sie mit nichts anderem beschäftigt sind, als Schülern wichtige Dinge beizubringen, scheint zunächst so sinnvoll, wie einleuchtend. Damit aber für die Schüler der Unterricht nicht etwa ausfällt, weil Lehrer eine Fortbildung besuchen, hat sich das pfiffige Schulamt im fränkischen Forchheim etwas ausgedacht: In Kürze gibt es ja einen Feiertag, den Buß- und Bettag, den haben die Schüler ohnehin frei - und weil im Katholischen keine evangelischen Feiertage eingehalten werden müssen, haben die Lehrer ja an eben diesem Tag unverdient frei. Das geht nun so nicht, dachte sich das Schulamt und plante rechtzeitig eine geeignete Gegenmaßnahme: 

Die Lehrer des Schulamtsbezirkes wurden verpflichtet, an diesem ihren freien Tag gemeinsam in eine Schule zu gehen, in der andere Lehrer mit ihnen einen ganzen Fortbildungstag veranstalten würden. Schule von Lehrern für Lehrer, gewissermaßen: Dank des Feiertages ist ja auch Zeit und Muße, sich weiterzubilden. 

Ein Faltblatt informierte die betroffenen begeisterten Lehrer des Schulamtsbezirkes rechtzeitig über die angebotenen Workshops. Jeder sollte sich entsprechend seiner persönlichen Neigung eintragen, schließlich lässt sich so besser für alle planen. Nun ergeht es den Lehrern wie den Schülern anlässlich einer Projektwoche, in denen sie sich für mehr oder weniger interessante Angebote interessieren sollen, die sonst nicht auf dem regulären Stundenplan stehen: (eine kleine Auswahl aus der angebotenen Themenliste)
- Hilfe mein System wird immer langsamer
- Stress-Management im Schulalltag
- Die Stille in Dir
- Positives Denken in 5 Schritten
- Ich will Eltern zur Mitarbeit bewegen - Aber die machen nicht mit
- Klangbäder
- Work-Life-Balance
- Kompetent im Umgang mit sozialen Netzwerken
- Was verbindet Holzkreisel und Pinseltasche

Damit kein Lehrer hierbei wegen fehlender Kinderbetreuung absagen muss, wird an diesem Feiertag auch dafür gesorgt: Ab dem Kindergartenalter können diese angemeldet werden, damit sie an dem Tag nicht mit Mama oder Papa etwas erleben, sondern ebenfalls betreut werden. Aber nicht ohne vorherige Anmeldung...





Donnerstag, 10. Oktober 2013

Intermezzo: Das Mädchen Wadjda

Ein leises Unbehagen schlich sich immer wieder hinterrücks heran: kann das gut ausgehen? Die Geschichte von einem zehnjährigen Mädchen, welches einfach nur Fahrrad fahren will, in einer Welt, in der das für Mädchen verboten ist? 

Das Mädchen Wadjda ist nicht nur der erste saudiarabische Film, sondern Haifaa al Mansour, die Regisseurin, ist eine Frau. Er erzählt die Geschichte eines Mädchens: Wadjda lebt mit ihrer Mutter allein in einem Haus. Der Vater taucht nur gelegentlich auf, es dauerte eine Weile, bis ich gemerkt habe, dass er offensichtlich noch bei seiner Mutter lebt. Im Haus scheint alles normal, fast so, wie wir es auch kennen. Die Mutter singt, trägt schöne Kleidung. Doch wenn sie aus dem Haus gehen, wird alles sorgfältig verhüllt. 

Wadjda scheint von einer erfrischenden Naivität, die sich nicht recht in die restriktiven Verhältnisse fügen will. Immer wieder eckt sie an, nur ein bisschen, doch es geht immer wieder gut aus. Ihr Freund, der Nachbarsjunge Abdullah, fährt Fahrrad und neckt sie, deswegen will sie zeigen, dass sie genauso gut wie dieser fahren kann. Doch Fahrradfahren ist für anständige Mädchen in Saudiarabien verboten. Außerdem ist das Fahrrad, welches beim Händler steht, teuer - und die Mutter gibt Wadjda kein Geld dafür. Sie beginnt, Armbänder zu flechten, verkauft diese in der Schule, aber es gibt nicht viel Geld dafür. Sie meldet sich für einen Koran-Rezitationswettbewerb an, obwohl sie den Koran bis dahin nur sehr stockend lesen kann. Aber hier winkt als Belohnung ein Preisgeld. 

Die Regisseurin hatte es nicht einfach, den Film zu drehen. Denn er zeigt nicht nur, wie eingeschränkt weibliche Freiheiten in Saudi-Arabien sind, sondern wurde selbst beim Drehen damit konfrontiert. Denn auch die Regisseurin ist den gleichen Zwängen unterworfen, wie alle Frauen in diesem Land: Der Film, den es gar nicht geben duerfte. Mutter und Tochter versuchen gleichermaßen, aus ihrem weiblichen Gefängnis zu entkommen: Die Mutter möchte, dass sich der Vater keine zweite Frau nimmt und Wadjda möchte Fahrradfahren. Während der Mutter dies allerdings misslingt, sie vom Dach ihres Hauses die Freudenböller zur Hochzeit sehen muss, erfüllt sie ihrer Tochter dafür den Wunsch nach dem Fahrrad. 

Die Welt ist fremd, so, als spielte der Film auf einem fremden Planeten. Manches erinnert an die Strenge udn Indoktrination vergangener Diktaturen, die es auch in Europa gab. Wie mag wohl eine Welt aussehen, in der Männer und Frauen gleichermaßen gleichberechtigt miteinander leben können. Denn auch davon sind wir in Europa noch meilenweit entfernt. Weil die Verhältnisse, wie sie sind, für uns normal sind, fällt es uns oft nicht auf. Erst in der Konfrontation mit der Fremde schleicht sich ein Unbehagen hinterrücks an. 




Samstag, 5. Oktober 2013

Fränkischer Federweisser - eine Suche

mit Rainer Maria Rilke:
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Nein, Herr. Es war doch noch nicht die richtige Zeit. In diesem Jahr dauert es zwei Wochen länger als sonst, bis es endlich den Federweißer gibt. Dabei hatte sich für die Weintour am sonnigen Wochenende sogar der Mittelstreifen der Autobahn mit gelb blühendem Senf geschmückt. Der Blick reichte weit über satt-grüne Wiesen, kein Lärmschutzwall engte den Blick tunnelgleich nach vorne.
Hinter Geiselwind rechts von der Autobahn herunter, kleine Dörfer säumen blumig die kleine Straße, welche zwar Steigerwald-Höhenstraße heißt, doch außerhalb der Ortschaften kaum Aussicht bietet, ist sie doch von hohen Buchenwäldern rechts und links gesäumt. Erst beim Herabfahren grüßt eine Figur vom Turm: War das einst ein Abt im Kloster, der von hoch oben immer noch achtsam über seinen Mönchen wacht? Beim Vorbeifahren verrät ein Schild am Turm: Dies sei der Wächterturm, der auch Marienturm genannt werde. Also steht kein Abt oben auf der Turmspitze, sondern eine Maria.


Kloster Ebrach ist schon seit mehr als 200 Jahren kein Kloster der Zisterzienser mehr, sondern eine Strafanstalt: Justizvollzugsanstalt genannt, in diesem Fall für Jugendliche. Die Kirche ist allerdings noch Kirche. Zwar war sie groß, doch eher schlicht – Zisterzienser bauten eigentlich eher unprätentiös und legten Wert auf Einfachheit: Ursprünglich gab es weder kostbare Gemälde, noch wertvolle Kelche und auch keinen Bauschmuck. Das hieß jedoch nicht, dass die Kirche klein war: Sie beeindruckt eher mit ihrer monumentalen Größe. Die Wirkung dürfte früher, als die Straße noch nicht geteert und damit tiefer lag, noch größer gewesen sein.


Innendrin ist die Kirche beeindruckend gelb bemalt, geschmückt mit viel Stuck und überhaupt recht viel möbliert, mit Grabmälern, kleinen Nischen und Altären und was eben so in eine richtige barock gestaltete Kirche gehört. Von der Einfachheit der Zisterzienser blieb da nichts mehr übrig. Ab 1200 wurde die Kirche gebaut und um 1725 wurde sie barockisiert und mit dem Stuck geschmückt.

Weiter ging es, nach einem Kaffee im Cafe.
Unten am Main wächst der Wein, hangwärts zumeist. Doch es braucht noch mehr als zwei südliche Tage nach dem kalten Frühjahr, welches so lange auf sich warten ließ. Alle Früchte hängen noch an den Stöcken. Die Öchslegrade reichen nicht, erklärt der Winzer, für die Lese. Erst dann wird es den frischen Federweißer geben – und das auch nur zwei Wochen lang. Fertigen Wein hingegen gab es bereits, aus dem Jahr davor. Der wartet jetzt im Keller darauf, dass er noch ein wenig runder wird.

Oberhalb von Zeil am Main grüßte ein Kirchlein, welches von unten her imposanter aussah, als es dann schlussendlich war. Aber das machte nichts, der Blick ins Tal hinab war weit und reichte bis zum Atomkraftwerk Grafenrheinfeld.


 

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Regensburger Stadtrundgang, zweiter Teil

Relikte aus der Römerzeit,
fast zweitausend Jahre alt, sind noch in Regensburg zu sehen: Die Reste des Nordtores zum Militärlager bilden heute einen schwarzen Kontrast zum weiß gekalkten Bischofshof. Damals lagerte die Legion 3 italica mit 6000 Soldaten am nördlichsten Punkt der Donau und bewachte die Grenze des römischen Reiches, damit weder die Germanen noch andere barbarische Völker die Römer ärgern konnten. 




Die letzten zwei Römer aus Castra Regina
Zwei übrig gebliebene Römer erzählten davon, wie sie mit ihrer Ausrüstung, die zwischen 35 und 40 Kilogramm wog, gut 30 Kilometer pro Tag marschieren mussten. So dauerte der 500 Kilometer lange Marsch von Camuntum (einst ein römischer Hauptstützpunkt an der Donaugrenze, östlich von Wien gelegen) bis nach Regensburg vier Wochen lang. Mit diesem Marsch testeten die Archäologen die Qualität der Ausrüstung, welche sie sich nach den historischen Überlieferungen hergestellt haben. Das ganze nennt sich experimentelle Archäologie. Die Schuhe haben Ledersohlen, die genagelt sind - so laufen sich die Sohlen nicht so schnell durch. Dafür lässt sich hinterher hervorragend berechnen, wie viele Nägel für Schuhe eine römische Legion während eines 500 Kilometer langen Marsches verbrauchte. 

Der Eselsturm am Regensburger Dom
Die Treppe hinter den beiden Römern führt zum Sitz des Bischofs mit Blick auf den Regensburger Dom. Ein alter Turm, Eselsturm genannt, klebt noch an der gotischen Basilika. Asinus heißt aber nicht nur Esel oder Dummkopf, sondern war einst auch die Bezeichnung für einen Lastenaufzug. Vielleicht zogen ja Esel erst die Steine, später dann die Glocken für die neuen Türme nach oben. Weil Regensburg nach dem Bau des Doms nicht mehr so viel Geld hatte, blieb der alte Turm stehen und vor allen Dingen blieb er unverkleidet: Manchmal ist ja Armut der bessere Denkmalpfleger. 

Ja, der Kaiser fuhr einfach vorbei
Im barocken Rathaustrakt zeterte ein
Rathausbediensteter, dass die Kaiserin Maria Theresia mit ihrem Mann eigentlich auf ihrem Heimweg in Regensburg übernachten wollten. Doch weil die Dunkelheit schneller war, als das kaiserliche Schiff, übernachteten sie auf demselben. Alles war umsonst: Der Schmuck, die Illumination, das Spalier, die Musikanten...die Regensburger waren enttäuscht. Niemand kam, den sie gebührend empfangen konnten. 

Weil das Handelsbuch der Familie
Margarethe Runtinger lauscht dem Reisebericht
Runtinger im Stadtarchiv erhalten blieb, mit seinen Aufzeichnungen über die gehandelten Waren, Preisaufschlägen und Handelswegen. Deswegen ist über diese Patrizierfamilie, die um 1400 lebte, vieles bekannt. Nicht nur der Handelsherr Matthias, auch seine Frau Margarethe führte das Buch. Als Matthias Runtinger starb, übernahm seine Frau die Geschäfte. Zwar begleitete sie nicht die Reisen, wie einst ihr Mann, doch ihr wurde ausführlich berichtet. Das Haus Runtinger war in Regensburg das erste Haus, welches die neuartigen Butzenscheiben aus Glas in den Fenstern eingebaut hatte: Mehr Luxus ging damals nicht. Die Karawanen waren Monate, manchmal sogar Jahre unterwegs. Kamen sie zurück, konnten die Reisenden von wunderlichen Tieren mit langen Nasen und märchenhaften Orten berichten.

Das Portal der Schottenkirche
Auch von Regensburg ließe sich
noch viel berichten, von der Schottenkirche mit ihrem reich geschmückten Portal, von mancherlei Durchgängen und von einer glücklichen Liebesgeschichte:








Don Juan d'Austria 
Als der Kaiser Karl V. bereits Witwer war, verliebte er sich in die bürgerliche Gürtlerstochter Barbara Blomberg. (Ob sie ihm einen neuen Gürtel bringen musste, da der alte zu eng geworden? Man weiß es nicht. Man kann nur munkeln.) Jedenfalls bekam Barbara einen Sohn vom Kaiser, den dieser standesgemäß am spanischen Hof erzog, ohne dass er von seiner Herkunft wusste. Er sollte zwar in den kirchlichen Dienst, doch er wollte lieber zur Armee. Als

Befehlshaber der spanischen Mittelmeerflotte machte er sich einen Namen und schlug 1571 die Osmanen in der Seeschlacht von Lepanto.

Aber am Besten ist es: Hinfahren und selber gucken.