Dienstag, 18. Februar 2014

Bamberg: Ausstellung in der Villa Concordia

Kunst ist, wenn man trotzdem lacht...
Neulich, auf Facebook, rutschte eine Einladung über meinen Bildschirm: In der Villa Concordia in Bamberg könne ich Kunst gucken gehen. Für umsonst. 

Warum auch nicht. Es war schließlich Sonntag, und nichts zu tun. Wer will denn schon sonntags arbeiten? Also auf nach Bamberg. 

Auto geparkt und den Rest gelaufen, durch enge Gassen und an alten Häusern vorbei. Im Innenhof eines dieser Häuser zogen sich die Elektrokabel außen an der Hauswand entlang. Am Gässchen endete an einer großen barocken Villa: Villa Concordia, was so viel wie Harmonie oder Einklang heißt. Die Treppenstufen sind beschriftet und über dem Gulli an der Straßenecke kniet eine junge Frau. Als wir fast an der Eingangstür angekommen sind, flitzt sie an uns vorbei, öffnet und entschuldigt sich kurz, weil sie so schmutzige Hände hat. Ihr sei der Schlüssel in den Gulli gefallen und sie müsse ihn wieder rausfischen. 

Sie führt uns nach oben, in den Anbau, in die Ausstellung. Erläutert kurz das Konzept der Villa, die an elf Monaten im Jahr für zwölf Künstler eine Heimat bietet. Bis zum 9. März sind also hier noch die Bilder von Nikita Alexeew zum Thema "Das Ufer" zu sehen. 

Auf einer Wand sind das einfach Fotos. Fotos von der Regnitz. Einmal das rechte Flussufer, einmal das linke. Immer abwechselnd. Lustig werden die Fotos erst durch die Texte, die darunter zu lesen sind. Hier vergleicht Alexeew die Regnitz mit dem Styx, dem Fluss, den nach der griechischen Sage die Toten überqueren, mit Charon als Fährmann. Doch wer über den Styx reist, kommt gewöhnlich nicht zurück. So lange eine Flussüberquerung dauert, so lange ist es nicht sicher, auf welchem Fluss die Fähre unterwegs ist. Erst wenn das Ufer in Sicht kommt, lässt sich ein Wasser vom anderen unterscheiden. 



Während Alexeejew von einem Ufer zum anderen gondelte, ob auf dem Styx oder der Regnitz, Charon von der Fähre sprang, saß dort am Ufer und bastelte in seiner Phantasie fragile Gebilde aus Treibholz und bannte sie mit Aquarell auf Papier. Serielle Fotos, serielle Zeichnungen. Sehr schön. Ich habe versucht, den Titel des Bildes jeweils zu entdecken, manchmal ist es mir gelungen, jedenfalls glaube ich das, aber nicht immer. Es darf auch immer etwas Geheimnisvolles dabei sein, ich muss nicht alles so verstehen und sehen, was der Künstler so gemeint hat. Ich bin ja nicht im Schulunterricht und muss herauskriegen, was jetzt der Lehrer von mir hören will. So zerbrechlich stehen die gemalten Skulpturen auf den Bildern am Strand, dass auf den ersten Blick klar ist: Halten würde das nicht. Wie Luftschlösser oder tanzende Elfen stehen sie am Ufer eines beliebigen Flusses. 

Ein zweiter Teil der Ausstellung ist im alten Rathaus in Bamberg. Einige Videoloops von Manuel Graf, die sind kurz genug, damit ich sie in ganzer Länge angucken kann. Das finde ich in anderen Ausstellungen oft sehr schade, da sind entweder zu viele solcher Installationen oder die dauern so lange, dass ich dann doch lieber weiter ziehe. Jedenfalls sind sie lustig: Eine erinnerte mich an das Bleigießen an Silvester, da entstanden digitale Blasen und Gebilde, die auch benamst wurden. Auf einem Stuhl stand ebenfalls ein Bildschirm und verzog die Lehne. Drei zerrissene Stücke waren dort von Leonid Tsvetkov, und auch hier stand etwas von Nikita Alexeejew: Wurden im Mittelalter die Reliquien der Heiligen verehrt und die Knochen nach dem Tod in reich verzierte Kästchen gesperrt, so geschieht selbiges mit den Dingen, welche heutzutage von den Mächtigen benutzt werden. Diese werden ebenfalls heilig gehalten und hoch verehrt. Doch woher wollten wir denn wissen, ob Magritte jenes Trinkglas oder Warhol jene Taschenlampe, Krupp diesen Schlüssel oder Mussolini ein Schweizer Taschenmesser hatte? In ihrer industriellen Fertigung sind die Gegenstände derart austauschbar, dass die auratische Aufladung durch deren Benutzung unsichtbar ist. Das gilt ebenso für Goethes Federkiel, aber der war wenigstens handgeschnitzt. Alexeejews Zeichnungen vom Schlüssel, Trinkglas, Taschenlampe oder Taschenmesser sind mit ihrer zuweisenden Beschreibung ein spöttisches Augenzwinkern. Nehmt alles nicht so ernst.

Wie gesagt. Schön war es, vergnüglich und pfiffig.
Wer noch will und noch nicht hat, der sollte sich beeilen: Bis zum 9. März ist nicht mehr viel Zeit.  
Ach so. Der anfangs erwähnte Schlüssel wurde aus dem Gulli befreit. Und mit vereinten Kräften das eiserne Gitter wieder richtig eingesetzt. Also: Alles ist am richtigen Platz, Schlüssel, wie Gullideckel.