Donnerstag, 19. Dezember 2013

Das Literaturhaus in Nürnberg

Manchmal erweisen sich diejenigen Dinge, über die ich zufällig stolpere, als solche, die richtig interessant sind, auf die ich ohne diesen Zufall allerdings nicht gekommen wäre. In diesem Fall war der Zufall der Besuch beim Nürnberger Christkindelsmarkt: Ich bin eine ganze Weile über den Markt geschlendert, habe mir Christbaumkugeln und Zwetschgenmännla angeschaut und drei im Weggla probiert. Für Glühwein war es mir noch zu früh. Statt dessen bekam ich Lust auf einen leckeren Kaffee. Das Auto stand hinter dem Bahnhof, also lief ich wieder in diese Richtung und hielt Ausschau: "Literaturhaus" stand an einem Haus. Und Cafe. Sah gemütlich aus, also bin ich hinein. Auf der roten Lederbank saß ich bequem, und der Kaffee war auch gut. 
Nachdem der erste Kaffeedurst gestillt war, funktionierte auch der Kopf wieder. An der Tür hing ein Plakat. Nicht sehr groß, gesehen hab ich es trotzdem: 
Asfa-Wossen Asserate sollte lesen und, hurra, es gab noch Karten.
Asfa-Wossen Asserate signiert ein Buch in der Pause
Pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum der Eröffnung des Literaturhauses las Asserate aus seinem Buch: "Deutsche Tugenden". Von ausgehfein bis rustikal gekleidet wartete bereits ein ganzer Pulk vor der noch geschlossenen Tür. Denn freie Platzwahl heißt: Wer vorne gut sitzen will, der muss bereits frühzeitig anwesend sein. Am Tisch sitzen noch mehr Leute, und plötzlich sind alle miteinander im Gespräch, bis es anfängt ist noch genügend Zeit, die irgendwie nett verbracht werden möchte. 
Was ist eigentlich typisch deutsch? Asserate wagt einen kritischen Blick, doch weil er ja bereits seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, ist dieser Blick längst nicht mehr so richtig von außen. Asserate plauderte über Gemütlichkeit und Pünktlichkeit und die schwäbische Kehrwoche. So vorgelesen, so gut. Überraschend fand ich, dass er Tugenden wie Anmut erwähnte. Reizend. 

Überhaupt wurde Asserate deutlich lebhafter, wenn er nicht vorlas, sondern erzählte. Als er darüber redete, dass die europäische Zivilisation auf drei Hügeln erbaut wurde: Der Akropolis, dem Kapitol und Golgotha und über die Politik Europas in Afrika, da wurde er richtig munter. 
Denn dank der europäischen Afrikapolitik würden dort die Diktatoren unterstützt: So müsse sich niemand über Flüchtlinge in Lampedusa wundern. Asserate wünschte sich, dass sich auch Firmen aus dem deutschen Mittelstand in Afrika engagieren sollten. Denn diese würden ob ihrer Qualität sehr geschätzt, wie er erzählte. Ein Unternehmer aus Afrika wartet lieber, bis er das Geld für eine Druckmaschine aus Deutschland zusammen hat, weil diese so haltbar ist. 
Demnächst soll auch sein neues Buch erscheinen, die erste Biografie über Haile Selassie, den letzten äthiopischen Kaiser und dessen Leistung für Äthiopien. 

Das Literaturhaus in Nürnberg