Dienstag, 11. März 2014

Reise nach Kappadokien: Der Flug nach Antalya

Dass ich nach Kappadokien flog, lag einfach am Preis, ich gebe es zu. Eine Rundreise, acht Tage lang, für 99 Euro, da wäre ich auch in die Wüste gefahren, oder in die Provinz. Dass die Reise dann doch mehr als 99 Euro kosten würde, das war mir auch klar. Aber der Zettel mit dem Angebot, der in der Zeitung lag, war einfach zu verlockend. Ich nahm mir vor, eben nicht so genau auf den Bus zu gucken, auch wenn er klappert und auch nicht die Ecken des Hotelzimmers nach Wollmäusen abzusuchen. Da würde ich mich einfach klaglos in jedes Bett legen, was mir so nachts angeboten wird und essen, was auf den Teller kommt. Bei diesem Reisepreis hatte ich mich auf das Schlimmste eingestellt, was ich mir so vorstellen konnte: wie beispielsweise fünf Etagenbetten in einem Zimmer, mit karierten Wolldecken, als Getränk hellroter Früchtetee oder hellgrüner Pfefferminztee (ein Beutel Tee auf fünf Liter Wasser) und zum Essen abwechselnd Grießbrei, Reisbrei oder Kartoffelbrei. 
Ganz so schlimm war es doch nicht. Ehrlich.
Eigentlich war es ganz gut. Sehr gut sogar. Echt. 

Und einige meiner gut abgehangenen Vorurteile konnte ich ebenfalls auf dieser Reise getrost entsorgen. (Einige andere leider nicht, aber dazu komme ich später).
Was wusste ich eigentlich so über die Türkei und speziell über Kappadokien? Nicht sehr viel, muss ich gestehen. Die Reise war mit dem Titel überschrieben: Auf den Spuren der Apostel. Die waren auch schon hier? Das wusste ich nicht. Das kommt davon, wenn Städte heutzutage anders heißen, als in der Bibel beschrieben. Als Paulus in Kappadokien auf seinen Sandalen unterwegs war, hieß die Stadt, die heute Konya heißt, Ikonium.  Nachdem die Christen im römischen Reich unter Nero verfolgt wurden, zogen sie nach Kappadokien. Einige von ihnen jedenfalls. Auch Maria, die Mutter von Jesus, soll nach seinem Tod mit dem Jünger Johannes nach Ephesus gewandert sein. Sicherheitshalber. Ephesos liegt westlich von Antalya, heißt heute Selcuk - aber dort war ich nicht. Auf dem Konzil von Ephesus wurde 431 ihr hiesiges Grab erwähnt. Gleichzeitig erhebt aber auch Jerusalem Anspruch auf das Grab von Maria. 
Doch einem Kümmeltürken bin ich in der Türkei nicht begegnet. Glücklicherweise hatte ich vorher mein Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten befragt, in dem stand, dass mit diesem Begriff einst ein Student bezeichnet wurde, der aus der Umgebung der Uni stammt. Entstanden ist das Wort in Halle. Damals wurde in der Umgebung viel Kümmel angebaut und trostlose Landstriche einfach als Türkei bezeichnet. 
Und überhaupt. Kappadokien. Türkei. Völlig unterentwickelt, wenn man mal von Istanbul absieht. Die Frauen müssen schwer auf den Feldern schuften, während sich die Männer im Teehaus vergnügen. Dachte ich jedenfalls. Wie gesagt, gut abgehangene Vorurteile. 
Dank der internationalen Bestimmungen war auf dem Flughafen München vor dem Abflug genügend Zeit für Milieustudien unter den Menschen, die ebenfalls hier warteten und offensichtlich auch nach Antalya fliegen wollten. 
*Willst Du noch irgendwohin? Du kannst ruhig gehen - ich habe mein Buch*
*Wo ist die Brille?*
*Ich kann dir nicht sagen, ob ich sie gestern aufhatte* und kramte ausgiebig in allen Taschen, die der Rucksack zu bieten hatte. 
Dann in der Luft war es auch wie immer: Alles sah noch viel kleiner aus, als im Spielzeugland. Keine Grenzen sind zu sehen, nur Straßen und Felder und Berge. "Bitte schnallen Sie sich wegen der Wetterlage an", sagte die Stewardess. Aber hier oben war gar kein Wetter, hier oben war Sonne. Wetter und Wolken waren doch tief unter uns. Trotzdem wackelten die Tragflächen. 
Einige der Menschen, die ich schon auf dem Münchener Flughafen gesehen habe, stiegen auch in den Bus ein. Das wurde unsere Gemeinschaft der acht Tage. Die Fahrt bis zum Hotel dauerte etwas mehr als eine Stunde und entlang der Straße standen lauter Betonbauten. Blinkende Autos überholten eilig den Bus. Hohe Tiere, sagte Ertan, unser Reiseführer für die acht Tage. Soso. Wichtige Leute. Von denen würden wir noch mehr mitkriegen, warnte er. Na, das werden wir ja sehen. 
Ach: So billig, wie wir unterwegs seien, darauf seien nicht alle Hotels scharf, warnte Ertan vor zu hohen Erwartungen an die Hotels, die ich ja sowieso nicht hatte und verkaufte fröhlich seine Spaßpakete: das Kultur- und Genusspaket und das Entdeckerpaket. 
Weil bereits ein Bus vor unserem im Hotel angekommen war, war die Empfangshalle schon voll. Zur Begrüßung gab es einen orangefarbenen Saft und ein grünes Handbändchen. So kann niemand verloren gehen. Vom Balkon aus wäre ein Meerblick möglich gewesen, die Richtung stimmte, aber es standen noch andere Häuser dazwischen und versperrten die Sicht. Weil es noch früh im Jahr war, waren nur Erwachsene da und es gab noch keinen Kampf um die Poolliegen, kein Kindergebrüll, nur Spatzen und Bauarbeiter lärmten. Der Hibiskus war noch kahl und struppig, der Strand schmal und kieselig. Aber ich war ja hier nicht zum Spaß, sprich: nicht zum Badeurlaub. 
Das Abendessen war wuselig: Alle Gäste drängelten sich auf einmal um das Büffet, ein Kellner telefonierte und flitzte aus dem Restaurant, ein zweiter mit Handy am Ohr hinterher. Draußen trafen sie sich und steckten die Telefone in die Taschen: Sie hatten sich ja erreicht. 
Und dann ging es erst einmal ab ins Bett. 
Morgen ist dann ein neuer Tag.