Mit einem leisen Grummeln in der Ferne kündigt sich ein Gewitter an. Noch scheint die Sonne warm und golden, doch schnell ziehen dunkle Wolken vom Horizont heran und verdüstern die Stimmung. Zuckt der erste Blitz über den Himmel, knallt es anschließend richtig, je näher das Gewitter rückt.
Bei der Uroma hieß es dann immer: "Guck nicht aus dem Fenster, damit du den Blitz nicht herlockst!"
In jedem Jahr sterben Menschen durch Gewitter. Aber es sind sehr viel weniger, als vor sechzig Jahren: 1950 starben jährlich etwa 100 Menschen, heutzutage sind es höchstens zehn Tote. Ob das daran liegt, dass sich weniger Menschen im Freien aufhalten?
Durch einen Blitzableiter wurden die Häuser erst nach ca. 1750 geschützt. Denn geriet eines der Fachwerkhäuser durch einen Blitz in Brand, dann waren auch die eng stehenden Häuser in der Nachbarschaft gefährdet.
Vorsichtshalber zündeten die Menschen vor knapp fünfhundert Jahren Gewitterkerzen an: Das waren schwarz durchgefärbte Kerzen, die besonders gesegnet waren. Weil die Kerzen aus den Wachsresten der Kerzen der Gedenkkapellen, wie beispielsweise Altötting, gefertigt waren, sorgte das Kerzenruß für die schwarze Farbe. Zum ersten Mal wurden die Gewitterkerzen 1675 erwähnt: Die Menschen stellten diese Gewitterkerzen nicht in einer Kapelle auf, sondern nahmen sie nach Hause. Zog ein Gewitter heran, wurde die Kerze angezündet und die Menschen beteten zu Gott, dass er ihr Haus und Hof, ihre Tiere und sie selbst vor dem Gewitter schützen möge.

In der Volkacher Wallfahrtskirche Maria im Weingarten gibt es immer noch schwarze Gewitterkerzen, so wie früher. Mit einem Bildnis der Heiligen Anna, welche bei Gewitter als Schutzheilige angerufen wurde. Das katholische Brauchtum verlor sich zwar in den letzten fünfzig Jahren, doch manchmal schleichen sich solche Dinge wieder hinterrücks heran: Denn die Sehnsucht nach Produkten, die authentisch und emotional zugleich sein sollen, gibt es bei den Menschen immer noch. Deswegen sind selbst auf der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt Gewitterkerzen zu finden. Hier suchen die Einkäufer aus der ganzen Welt nach den Dingen, welche die Kunden dann im Jahr darauf in den Läden finden sollen. Nur einen kleinen Nachteil haben diese modischen Gewitterkerzen allemal: Sie sind nicht geweiht.
Von der Kirche in Forchheim aus geht es los, am Berg entlang und durch den Wald bis nach Weilersbach. Der Weg ist in den weiß-gelben Kirchenfarben gekennzeichnet: Auf weißem Grund ist ein gelber senkrechter Strich gezeichnet. Nur die Stationen des Kreuzweges sind modern geworden. Auf den Schildern entlang der Strecke wird nicht mehr der Leidensweg Jesu gezeigt, sondern auf Bildern beschrieben, wie sich aktive Wanderer mit Stöcken selber quälen können.
An Serlbach vorbei kommt Weilersbach bald in Sicht. Es sind ja nur wenig mehr als fünf Kilometer. Hier steht die Annakirche, zu der die Forchheimer ursprünglich am 26. Juli, dem eigentlichen Annatag, aber heutzutage am Sonntag darauf, pilgern.
Anna war die Mutter von Maria und somit die Oma von Jesus. In der Bibel steht, dass sie zwanzig Jahre lang mit ihrem Joachim verheiratet war, bevor sie Maria bekam: Damals waren die Frauen weit vor ihrem zwanzigsten Geburtstag verheiratet. Und so sind wahrscheinlich heute viele Frauen so alt, wie Anna damals war, wenn sie ihr erstes Kind mit Ende 30 bekommen. Der einzige Unterschied dürfte sein, dass diese dann nicht bereits zwanzig Jahre lang mit dem gleichen Mann verheiratet waren.
In Weilersbach wurde also zur Heiligen Anna gebetet und dann ging es zurück, wieder durch den Wald. Dort standen die Bierkeller im Weg, an denen wurde gerastet und getrunken und gefeiert. Quasi bis heute.
Ins Forchheimer Schloss lockte mit "Beten, Bier und Büchsenknall" eine Sonderausstellung zur Geschichte des Annafestes, doch das Beste daran war das Plakat. In den Räumen standen ein paar Bierkrüge in Vitrinen, es lagen ein paar Bierfässer im Weg und ein paar Bilder zum Rummel auf der Kirchweih waren auch zu sehen.
Weil die Schützen vor über 100 Jahren ihr Schützenfest ebenfalls auf das Annafest zu den Bierkellern verlegten, wurde es erst recht gefeiert. Bis heute. Aber wie das bei vielen Volksfesten mit ursprünglich sakralem Charakter so ist, erinnert fast nur noch der Name daran, dass es einst einen ganz anderen Hintergrund hatte:
Die Heilige Anna ist die Schutzpatronin gegen Gewitter. Als Martin Luther in einem Gewitter um sein Leben fürchtete, gelobte er der heiligen Anna, in ein Kloster einzutreten. Rund um den 26. Juli, den Annatag, beginnen die sommerlichen Hundstage, die bis in den August hinein dauern. Im Sternbild des großen Hundes geht zu dieser Zeit der Sirius auf - daher der Name. Herrscht große Hitze, dann kann es auch heftige Gewitter geben. Aber Anna ist noch für viel mehr zuständig, als nur Schutz vor Gewitter zu bieten: Sie ist Patronin der Mütter und der Ehe, der Hausfrauen wie der Hausangestellten, der Armen, Arbeiterinnen, Bergleute, Drechsler, Goldschmiede, Knechte, Krämer, Müller, Schiffer, Schneider, Seiler, Spitzenklöppler, Strumpfwirker, Tischler und Weber. Außerdem ist sie für glückliche Heiraten, für Kindersegen und glückliche Geburten, für Reichtum und für das Wiederauffinden verlorener Sachen und Regen zuständig. Sie hilft bei Gicht, Fieber, Kopf-, Brust- und Bauchschmerzen, ist also, wie jede Mutter, ordentlich beschäftigt.