Montag, 4. Juni 2007

Nachdenken über das Reisen


Winterlinden wurden schon lange Zeit als Wegmarken an Handelswegen verwendet - heute sind sie nicht mehr so nötig: es gibt ja Straßenschilder.
Diese stehen auf dem Elisabethpfad vor Stadtallendorf

Wozu verreist der Mensch überhaupt? Wie es in dem Ort aussieht, an den er fährt, weiß er längst aus den Prospekten. Sollte es von dem gewünschten Ziel keinen Prospekt geben, dann ist das kein Reiseziel. Hauptsache, er konnte sich vor seiner geplanten Reise ein Bild machen. Der Wunsch, zu verreisen, entsteht erst durch eine Vorstellung von dem Reiseziel. Die Vorstellung kann auf verschiedene Weise entstehen. Entweder erzählt jemand davon, oder es gibt Bilder in Fernsehen, Büchern oder Zeitschriften. Andererseits gibt es in vielen Orten die Überlegung: „wie mache ich diesen Ort für Touristen attraktiv?“



Durch die Verkehrsmittel ist es heutzutage unkompliziert und ungefährlich, in ferne Länderzu reisen, die vor hundert Jahren kaum erreichbar waren. Konkurrenz zwischen Reiseunternehmen fördert den Massenverkauf von Reisen zu relativ niedrigen Preisen.
Doch möglicherweise kommt der Reisende zwar körperlich in dem betreffenden Land an, aber psychisch nicht. Der Pauschaltourist erwartet, an seinem Urlaubsort einen gewohnten Standard, eine erwartete Umgebung vorzufinden.



Das moderne Reisen, das um seiner selbst willen und zum Vergnügen unternommen wird, gibt es noch nicht lange. Früher verreiste man oft nur aus Not oder religiöser bzw. wirtschaftlicher Ziele wegen. Erst im 17. und 18. Jahrhundert begann das Vergnügen der Reisen. Jeder, der genug Geld hatte und gebildet war, machte sich in den Süden auf. Italien mit seinen antiken Stätten gesehen zu haben, war das Reifezeugnis für junge Männer (und wenige Frauen). Die dabei erworbenen Kenntnisse konnten an keiner Universität vermittelt werden. Die praktischen Schwierigkeiten dieser Reisen waren noch erheblich, besonders weil die Alpen überquert werden mussten.



Der Massentourismus breitete sich zuerst in Richtung der Gastarbeiterländer aus. Dort ist es meistens wärmer und sonniger als in Deutschland. Später entdeckte die Tourismusindustrie, dass es außer den „normalen Pauschaltouristen“ auch „Abenteurer- und Entdeckertypen“ gibt und begann, Reisen unter anderen Vorzeichen zu verkaufen.
die Wirklichkeit wird auch dort simuliert: die Erwartungen der Touristen müssen ja erfüllt werden. Manchmal gibt es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen im Urlaub Konfrontationen mit der Realität: dann laufen die Kakerlaken durchs Zimmer. Aber für diese Störungen kann glücklicherweise der Reiseveranstalter verantwortlich gemacht werden.



Reisen wird risikoreicher. Entführungen, Bombenanschläge, Bürgerkriege, die sich nicht nur gegen Einheimische, sondern auch gegen Touristen richten. Doch es hat den Anschein, als würde dieser Einbruch der Realität in das Bild vom Urlaubsland nur kurz anhalten. Zwar führen Bombenanschläge kurzfristig zu Reisestornierungen, doch nach spätestens ein paar Monaten ist der Schrecken vergessen. Dann buchen die Urlauber wieder, zumal die betroffenen Länder nach den imageschädigenden Ereignissen mit den Preisen heruntergehen.



Bilder - gerade von Reiseprospekten- sind Hochglanzfarbphotos. Und da ein Apparat diese Photos „gemacht“ hat, muß es dort so aussehen, denn die Kamera kann nur die Wirklichkeit abbilden und nichts anderes.
Und wieso haben Bilder diese Macht? Aber das ist eine andere Frage …

Jaelle Katz