Samstag, 26. April 2014

Vor 99 Jahren in der Türkei

Es gab so einen kurzen Moment, irgendwann im Bus, in dem Dämmer zwischen Schlafen und Wachen, in dem mein Blick hinaus aus dem Fenster auf das öde Land fiel, welches sich kahl und graubraun bis zum Horizont zog. Ich sah fahle runde Dinge - und war sofort hellwach. Phantasie ist ein grandioser Muntermacher. Glücklicherweise entpuppte sich das, was ich im ersten, noch schläfrigen Moment für menschliche Schädel hielt, später im wachen Licht als Überreste von Kürbissen.

Wieso ich die Reste helle Kürbisse in meiner Phantasie für menschliche Schädel hielt, lag sicherlich auch daran, dass ich vor der Reise in die Türkei ein Buch las, eines, das mich immer wieder fesselt und welches ich schon oft gelesen habe: "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel, ein Buch, das auf einer wahren Begebenheit beruht. Es liest sich unglaublich spannend, berichtet von Grausamkeiten und alltäglichem Heldenmut, und davon, dass durch den Widerstand und die Flucht der Menschen auf den Musa Dagh, den Berg Moses, etwa 4.000 Menschen dadurch gerettet werden, dass sie von einem französischen Kriegsschiff, der Guichen, aufgenommen werden. 

Vor inzwischen 99 Jahren, am 24. April 1915, beschloss die türkische Regierung, welche seit 1908 an der Macht war, die Armenier zu verhaften und zu deportieren, sie begannen, die Menschen aus ihren Häusern zu vertreiben, sie ermordeten Männer und Jungen, sie trieben die Frauen und Kinder auf lange Märsche, auf denen mindestens anderthalb Millionen Menschen starben. Überlebt haben nicht viele davon. Das sollten sie ja auch nicht. Es gibt eine Menge darüber zu lesen, wie hier auf Arte und diesen Dokumentarfilm kann man auch angucken. 

Irgendeiner aus der Reisegruppe stellte dann später, irgendwann, schon ziemlich gegen Schluss der Reise, die unvermeidliche Frage nach den Armeniern und der Schuld der Türken an den Reiseleiter. Er fragte so, wie es Lehrer manchmal so an sich haben, fragte den Reiseleiter auf eine Weise, dass es eigentlich auf diese Frage nur eine mögliche Antwort geben konnte. Doch der Reiseführer beantwortete diese Frage nach den Armeniern und dem Völkermord außerordentlich diplomatisch, wie er überhaupt immer diplomatisch war, wenn es um heikle Fragen ging. 

Nein, es sei kein Völkermord gewesen, aber eine Tragödie, meinte der Reiseleiter. Denn die Armenier mussten von der Grenze weg, ins Landesinnere. Na klar. Nur, dass alle, egal wo sie wohnten, gehen mussten. Vielleicht ist das für uns ein wenig schwer verständlich, aber die Türkei ist ein Land, in dem es nicht immer einfach ist, irgendeine persönliche Meinung zu haben und diese auch noch öffentlich zu verkünden, besonders dann nicht, wenn sie nicht mit der offiziellen Meinung übereinstimmt. Offiziell wird der Mord an den Armeniern von der türkischen Regierung immer noch bestritten, auch wenn sich Erdogan in diesem Jahr zum ersten Mal dazu geäußert hat. Und allein deswegen kann ein türkischer Reiseleiter auf eine polemische Lehrerfrage auch nur eine diplomatische Antwort geben. 


Freitag, 4. April 2014

Jetzt wird bunt geeiert: Die Osterbrunnen in Franken

Während es in diesem Jahr wunderbar warm ist - und hoffentlich auch bleibt - lag im vergangenen Jahr noch Schnee. Hier ist der Beweis: Auf dem Osterbrunnen in Bieberbach waren die Eier mit einer Schneehaube bedeckt.
Der Besuch in Bieberbach hat mich neugierig gemacht und ich wollte wissen, wer die ganzen Eier malt. Deswegen war ich im Nachbardorf und habe den Frauen zugeguckt. Erste Überraschung: Da malen junge Mädchen mit. Ich hatte tatsächlich nur ältere Damen erwartet. 


Noch ist der Brunnen am Kriegerdenkmal defekt – doch geschmückt wird er zu Ostern trotzdem. „Wir stellen Osterbäume auf und schmücken alles rund um den Brunnen“, bedauerte Judith, dass in diesem Jahr keine Osterkrone auf dem Brunnen sein wird. Kisten und Körbe voll bemalter Eier stehen in ihrer Küche und um den Tisch herum sitzen neben den alteingesessenen Ostereiermalerinnen auch die Kerwasmadla aus Oesdorf, die überall helfen, wo sie gebraucht werden. Mit Kerwasbaum, Kerwasmadla und FCN-Eiern haben sie sich jetzt auf den Ostereiern verewigt. Mit breitem Pinsel werden die Eier grundiert und mit Schaschlikstäbchen werden die Pünktchen und feinen Muster getupft. In Styroporplatten zum Trocknen gespießt, sehen diese bald aus, als sei auf ihnen ein Ostereierwald gewachsen.
Sind die Eier bemalt und trocken, werden sie auf die Osterketten gefädelt. Seit gut 15 Jahren wird der Brunnen hier mit den bunten Eiern geschmückt und so viele Jahre hingen diese inzwischen auf den Osterketten. Also war es höchste Zeit, alle Ketten einmal aufzudröseln. Die Eier wurden gezählt, gereinigt oder durch frisch bemalte ersetzt. Das ganze Jahr haben die Frauen bereits beim Kuchenbacken die ausgeblasenen Eier gesammelt, immerhin werden für alle Osterketten gut 700 Eier gebraucht.
Im Eifer des Ostereiermalens wird der Pinsel schon mal ins Trinkglas getunkt, statt in das dafür vorgesehen Wasserglas, und alle lachen.
Dass die Krone nicht auf den Brunnen kann, finden die Frauen und Mädchen schade. Der Herr vom zuständigen Bauamt erklärte später am Telefon, dass im Rahmen der Dorferneuerung der Brunnen einen neuen Schacht und Inneninstallation bekam: „Jetzt fehlt nur noch eine Pumpe“. Für die Reparatur des unvollständigen Mosaikes im Inneren des Brunnens müssten sich Bauamt und Militärverein noch einigen, wer welche Kosten übernimmt.
  
Wenn es an das eigentliche Schmücken des Osterbrunnens geht, sind viele Menschen aus dem Dorf bereit und helfen mit. Wer selbst nicht schmücken kann, bringt Kuchen und heißen Kaffee vorbei. „Wenn es kalt ist, dann kann man sich an einer heißen Tasse gut die Finger wärmen“, sagt Judith und lacht. Denn die Hauptsache ist die fröhliche Geselligkeit der fränkischen Frauen.