Dienstag, 20. Dezember 2011

Noah rettet das Abendland...




Retten wir mal das Abendland, dachte sich Noah, als die Erdkappenpole schmolzen und das Wasser stieg. Von dem, was einst Niederlande waren, war nichts mehr zu sehen, die wenigen Berge ragten nur noch als einzelne Inseln aus der unendlichen Weite des Meeres. Still kräuselten sich die Wellen und die Fische schwammen durch die Fenster der versunkenen Häuser und wunderten sich über allerlei Dinge, die sie darin fanden.
Hier ließ sich keine Arche mehr bauen, stellte Noah fest und zog weiter, weiter bis zum Teutoburger Wald: Auch schon unter Wasser. Noah seufzte. So wurde das nix. Er sah die vom Wasser unterspülten und gefesselten Bäume – die Tannen und Buchen, die Lärchen und einige Eichen wild durcheinander liegen auf dem Grund des Sees. Noah seufzte noch einmal. So wurde das wirklich nix. Aber in ausreichend langer Zeit würde aus diesem jetzt noch grünen Holz wieder Torf und Kohle und Brennmaterial, mit dem sich künftige Eiskappen auch wieder schmelzen lassen würden.
Jede nur mögliche Mahnung hatten die Menschen des Abendlandes großzügig ignoriert. Noah erinnerte sich: Zwar waren die rußgeschwärzten Himmel über Essex und dem Ruhrgebiet längst wieder so blau, wie sie strahlender nicht sein konnten, doch dafür gab es Feinstaub und Asbest und Chemikalien mit Namen, die kein Mensch fehlerfrei aussprechen konnte.
Nach einem Gespräch mit dem Menschen war Noah genervt. Das Problem war, dass die geistige Evolution scheinbar der Technik nicht hinterherkam: Zwar verdoppelten sich die Leistungen der Computer alle Nase lang, doch die Konzentration der Menschen hielt nicht Schritt. Konnten Automaten vieles auf einmal erledigen, musste der Mensch immer noch eines nach dem anderen machen. Und das dauerte. Und deswegen gab es trotz immer mehr Technik überall immer weniger Freizeit und während früher nach getaner Arbeit gut Ruhen war, mussten jetzt die zu Hause vorhandenen Geräte bedient werden. Wer hatte da noch Zeit, auf die Natur und die Umwelt zu achten. War doch über Jahrmillionen auch so gegangen und klar gekommen.
Nein, eigentlich ist es nun doch genug, dachte sich Noah und mit einer plötzlichen Entschlossenheit, über die er selbst erstaunte, knallte er die Tür der Arche zu, die er mit den letzten Bäumen aus den Alpen gezimmert hatte. Ich habe das Gefühl, dass der Mensch als solcher maßlos überschätzt ist, dachte sich Noah. Diesmal würde er ohne den Menschen abfahren. Alle Tiere waren schon an Bord, jedenfalls alle die, die es noch gab, weil der Mensch sie noch nicht ausgerottet hatte.
Und damit das Abendland noch zu retten war, mussten Adam und Eva diesmal draußen bleiben.

Samstag, 3. Dezember 2011

Komisch

Komisch.

Früher war alles viel besser, sagen die Alten und auch viele jüngere Menschen. Dabei ist es in Wirklichkeit doch heute viel besser. Oder wer hat noch ein Plumpsklo auf dem Hof und muss morgens erst den Ofen mit Holz und Kohle anheizen?
Nein, früher sei einfach alles besser gewesen, da habe der Bratapfel noch für heimelige Stimmung im Advent ausgereicht. Heute dagegen muss aufgerüstet werden, im Haus und außen auch. Die Häuser werden so hell beleuchtet, mit Weihnachtsmännern und anderem behangen, da verirrt sich bestimmt kein echter Nikolaus mehr hin, das sieht aus, als nagele jeder in den Vororten Licht ans Haus, statt Eulen- oder Fledermausflügel, um das Böse abzuwehren. Dabei sitzt das schon drinnen, kommt durch die 375 Fernsehkanäle hinterrücks des Nachts geschlichen, Mord und Totschlag, Sex und Nachbarn-gucken gratis, direkt vom Sofa aus. 
Komisch. 
Und das Gute von früher, das wird jetzt zu hohen Preisen gehandelt - oder wenigstens tun alle so. Ob früher wirklich jemand Blütenblätter in die Seifenlauge gerührt hat, ich meine, außer denen, welche die Adelshäuser belieferten?
Und was ist heute whale watching gegen eine Runde ums Dorf? Ach, das eine kostet nix, kann man ja immer haben, ist also nix wert. Oder?