Montag, 16. Mai 2011

Ich kündige

Klar kündige ich: Wenn der Sprit so teuer wird, dass die Fahrt egalwohin nicht mehr lohnt, wenn die Baustellen immer zahlreicher werden - und ich immer nur hinter Sonntagsschleichmotten hinterherzockeln muss und meinen Kaffee am Morgen in aller Eile trinken und die Zeitung bleibt auch ungelesen - gut, für ein "Tschüss" fürs Kind reicht es grad so, aber auch nur deshalb, weil das Kind aus dem Haus poltert, wenn ich aufstehe und dann die Kater mich maulend in die Ferse um ihr Futter beißen und die Blumen sind auch noch nicht gegossen - was soll ich eigentlich schon wieder zu essen machen, kann mir das mal jemand sagen und überhaupt: Waren das jetzt schon die Eisheiligen, kann ich also die Tomaten ins Beet oder warte ich lieber noch eine Woche ab - mach mir doch mal meinen Zopf und warum liegt das Brot noch auf dem Tisch - hat die Schusselliese - aber ich fahre ihr das Zeug nicht hinterher, muss sie eben sehen, wie sie klarkommt und sich von der Freundin was zu essen borgen - gibt man das dann eigentlich gegessen wieder zurück? Kannst du dich bitte etwas schneller bewegen, noch zwei Minuten und dann kam der Opa zur Tankstelle, in so einer beuligen braunen Cordhose und braucht einfach eeeeeewig mit seinem Lottozettel und ich habe gestern das Tanken vergessen, doch der Montagmorgen wäre ohne Termine viel ruhiger, glaub's mir.


Montag, 4. April 2011

Märzenbecherzeit

Wolkenweiß schweben die Glöckchen der Märzenbecher über den dunkelgrün himmelwärts strebenden Blättern, die Spitzen getupft.
Hellgrün die gerade erblühten, etwas blasser die Tupfen der Blüten, die bereits kurz vor dem Verblühen sind.
Unter unbelaubten Buchen weit - so weit man sehen kann: ein grüner Teppich mit weißen Märzenbecherglöckchenflusen drüber.


Oben auf dem Bergkamm ein Weg und ein Blick: Weit über das gegenüberliegende Tal, über Dörfer. Warum kann eigentlich nicht über jedem Dorf ein Name schweben, so dass man es kennt - so wie in der Werbung für die modernen Taschentelefone, die bald sogar Gesichter erkennen und benamsen können sollen?

Auf dem Weg vom Dorf im Tal (Ulfen) bis hinauf zum Bergkamm links zwischen zwei Wäldchen sanft geneigte Wiesen mit Hochsitz:
Hier stand einst auch ein Dorf, Rittershain. Auf Luftaufnahmen vor fünfzig Jahren sind die Grundmauern der Häuser und der Kirche noch gut erkennbar.

Einen Friedhof gab es, mit versunkenen und überwucherten Steinen - und einer weißen Blume. Die Alten aus Ulfen wissen noch von der Blume und ihrer Mär:

Dort liegt ein Mädchen begraben, das sich - bereits schwerkrank - eine besondere Blume auf ihrem Grab wünschte. Diese Blume sollte nur für sie auf ihrer letzten Ruhestätte blühen - nirgendwo sonst.

So geschah es auch.


Die Blume blühte, jahrhundertelang. Grub jemand einen Teil davon aus und verpflanzte es in seinen eigenen Garten - so ging die Pflanze ein.

Nach der Pest im dreißigjährigen Krieg - so erzählen die Alten aus Ulfen - lebte in dem kleinen Dorf Rittershain niemand mehr. Die Häuser verfielen im Laufe der Zeit und der Friedhof wucherte zu.

Doch alte Leute erinnern sich bis heute: Als Kinder spielten sie, während die Eltern bei der Feldarbeit beschäftigt waren - da stand die Blume noch und sie erfuhren vom Grab des Mädchens aus Rittershain.

Seit der Flurbereinigung vor fünfzig Jahren ist von Rittershain und von der Blume keine Spur mehr zu finden.

Samstag, 13. November 2010

Novembergedanken


dunkelblau
Unsterblichkeit im
Netz ist alles
erlaubt mit Besuch ohne
Antwort

Ich will ein Buch aufs Grab, sagte Königstochter jüngste. Und im Dezember sterben, weil ich da auch Geburtstag habe.

Ich will kein Buch aufs Grab. Bis dahin habe ich alle Bücher gelesen, das reicht dann.
Eine Schildkröte möchte ich - und auf dieser einen Salamander.
Die Schildkröte frißt im Sommer den Huflattich vom Grab, den Löwenzahn und das Gras. So bleibt Platz für Akelei und Vergiss-mein-nicht. Auf dem Schildkrötrücken sonnt der Salamander reglos, lässt sich tragen und wiegen.
Bis jemand kommt und die Ruhe stört:
Dann ist er weg, blitzschnell mit der getankten Sonnenenergie, wie ein gelbschwarzer Blitz im Steinhaufen am Grabrand verschwunden.
Die Schildkröte zieht sich zurück in den Panzer.
Nichts ahnend vom Leben um ihn und vor ihm und unter ihm bleibt der Besucher auf dem friedlichen Hof. Nur der Streicher vom Land weiß nicht genau: Ist der Geist aus der Flasche jetzt echt? Wenn er den Stein vor sich wähnt, der langsam faltige Beine bekommt...

Freitag, 24. September 2010

Ohrwurm

Was passiert, wenn man mit einem Ohrwurm auf dem Bus wartet?
(der Ohrwurm war in diesem Fall: Dota und die Stadtpiraten: "Transparent")

Was soll ich mit der ganzen Ausgeschlafenheit, wenn ich hier am Straßengraben stehe - und niemand kommt.
Stattdessen: Aufgeräumte Gärten, gestaltete Wildnis und wieso macht keiner die Brennnesseln hinter dem Wartehäuschen weg, ich rufe morgen noch den Bürgermeister an, damit er höchstpersönlich von dem Schandfleck weiß.
Kein Wildwuchs, nirgends.
Dann lieber zurück ins Bett, ich bin Anarchistin jetzt und schieße scharf auf jeden, der was anderes will.

Wo bleibt der Bus?

Ich weiß manchmal nicht mehr weiter - und wie es scheint,
ich weiß bis hierhin und nicht weiter - und wie es scheint
geht es auch anderen so, ist nur anders gemeint.

Der Tag hat heute längst nicht das Ziel, den Abend zu erreichen, er wird einfach transparent, blaut auf - und stirbt am Straßenrand. Legt sich zu den Leichen von Fuchs und Eichhorn, Waschbär und Dachs. Kein Wunder, dass die Wirtschaft keinen Aufwind fängt, wenn sie den Dax überfährt und die Krähen kommen, um das Aas zu picken - ständig aufgescheucht von vorbeifahrenden Autos. und Lastkraftwagen und Omnibussen und Verkehr (dabei macht der gar nicht kehrt).

Nur nicht bei Rot über die Ampel, weder als Kässmann, noch als Fuchs. Nur: der Fuchs kann hinterher keine Bücher mehr schreiben und aus dem Straucheln den Zeigefinger recken, gleichzeitig Geld scheffeln mit dem eigenen Versagen, mea maxima culpa.

Echt jetz ma.

Kommt endlich der Bus.
Wieder verspätet.
Kein Wunder. Bei den Straßen.
Und wo doch der Soli alles in den Osten schaufelt, dahin woher alles flieht, was denken kann - und nur die Wölfe übrig bleiben.

Dienstag, 2. Juni 2009

Mittelalter auf der Creuzburg






Wie in jedem Jahr, so fand auch in diesem an Pfingsten auf der Creuzburg nahe Eisenach ein mittelalterlicher Jahrmarkt statt.

So weit, so gut. Die Darsteller gingen einfach gekleidet ihren Verrichtungen nach, es gab leckere Dinge zu futtern und viel Unnützes zu kaufen.

Das richtige Schauspiel waren dagegen die Zuschauer: eine wahre Modenschau der Fantasiekostüme, für die oft viele kleine Polyester sterben mussten. Aber was soll's, solange es den Trägern gefällt. Fasching ist schließlich nur einmal im Jahr.

Ein wahrer Augenschmaus ist außerdem, dass bauchfrei nicht mehr so angesagt scheint. Frau trägt Nabel wieder bedeckt, was in den meisten Fällen begrüßenswert ist.

Die Burgmannschaft von der Tannenburg war auf der Creuzburg zu Besuch, hat eifrig gekocht und Bögen gebastelt. Interessant war, dass es selbst im Mittelalter schon so kleine Kästchen gab, mit denen man Bilder festhielt. Ob da kleine Heinzelmännchen drin saßen, die ganz schnell malen konnten?

Es wurde Feuer gespuckt und Musik gespielt. Nur die Schlange vor dem Klo war wie jedes Jahr einfach viel zu lang. Bis Frau da so drankommt und wehe, man hat es eilig. (also besser nichts trinken, was dann wieder herauswill)

Donnerstag, 27. November 2008

Gestatten: Rippchen

Rippchen zu sein ist nicht leicht. War doch die Einheit mit dem Adam ganz gemütlich: Jeder kannte die Wünsche des Anderen, wusste, was dieser dachte und so kam es eben zur allseits bekannten Geschichte mit dem Apfel. Ich wollte ihn haben und probieren, aber ich brauchte überhaupt nichts zu sagen, Adam wusste es längst. Die Schlange war eigentlich nur dazu da, ihn zu pflücken und zu reichen. Denn eine Leiter gab es nicht. Dass wir dafür aus dem Paradies vertrieben wurden, wie ein paar unartige Kinder, die sich das Aufklärungsbuch der Eltern aus dem Regal geholt haben, weil sie die Sache mit der Biene und der Blume nicht geglaubt haben – geschenkt.

Aus dem Paradies vertrieben zu werden, ist das eine. Aber mit der Erkenntnis, was Gut und was Böse ist, geht noch eine andere Sache einher: ich, das Rippchen, verstehe jetzt meinen Adam nicht mehr. Und, was noch viel schlimmer ist, mein Adam versteht mich ebenfalls überhaupt nicht mehr. Manchmal komme ich mir vor, als führe ich mein Leben in einem Proseminar über Kommunikation mit dem Titel: „Wie sage ich etwas so, dass Adam verstehen kann, was ich meine“. Denn selbst die simple Frage: „Was machst du?“ mit unbeteiligtem Gesicht und völlig harmlos gestellt, verleitet meinen Adam dazu, sich zu rechtfertigen und über Sachen zu diskutieren, die ich so nie gesagt habe.

Ein Beispiel: Ich koche. Nein, nicht vor Wut. Sondern ich möchte ein wohlschmeckendes Sonntagsessen am Herd bereiten: die Zwiebel ist geschält, das klein geschnitzelte Fleisch bereits auf Zimmertemperatur – so spritzt das Fett in der Pfanne nicht so sehr – alles steht parat für Geschnetzeltes nach Zürcher Art. Kennt doch jeder.

Da holt mein Adam eine Packung passierte Tomaten aus dem Schrank. Und nimmt die Schere und schneidet die Ecke von der Packung ab. Nun ist sie auf. Da bei mir an Zürcher Geschnetzeltem kein Tomatenpüree hineingehört, frage ich eben: „Was machst du?“ Wo, bitte schön, habe ich dabei gesagt: „Bist du eigentlich ein Idiot, der nicht weiß, dass in Zürcher Geschnetzeltem kein Tomatenmatsch hineingehört?“

So ist das oft. Auch die Unterhaltung mit anderen Rippchen zeigt, dass diese ihren Adam ebenfalls nicht mehr verstehen können.

Dabei würde ich ganz gerne mal was mit meinem Adam gemeinsam machen. Doch er passt auf mich, sein Rippchen immer so sehr auf, dass ich alles nach seiner Meinung richtig mache, dass ich mir manchmal vorkomme, als würde mir ein alter Hauswirtschaftsdrachen über die Schulter gucken. „Spül das Geschirr noch einmal mit klarem Wasser ab – sonst kann man davon nicht essen!“, sagt er zum Beispiel. Sicher, wenn Adam hinguckt, mache ich auch das. Ansonsten halte ich es für eine ungeheure Wasserverschwendung. Außerdem las ich neulich in einer Studie, dass man sein ganzes Leben lang jeden Teller, an dem Spülmittel noch klebt, weil er nur abtropft, richtig rundherum mit der Zunge ablecken kann – und man kommt trotzdem nicht auf eine Menge an Spülmittel, die man schluckt, um sich in irgendeiner Weise zu gefährden. Die Studie habe ich sogar meinem Adam unter die Nase gehalten, genützt hat es nichts.

Überhaupt, sagte ich nicht bereits, dass ich so als Rippchen auch gerne etwas mit meinem Adam unternehmen würde. Auch wenn ich so für mich alleine manches nicht unternehmen würde. Schwimmen gehen in einem öffentlichen Schwimmbad ist so eine Angelegenheit. Ich schwimme nicht so gerne und ich eigentlich reicht mir das Fassungsvermögen meiner Badewanne. In dieser kann ich gemütlich liegen, mich hinten anlehnen, ein Buch lesen und wieder aus dem Wasser steigen, wenn dasselbe kühler wird. Oder ich lasse mir noch einmal heißes Wasser nachlaufen. Reicht mir völlig aus.

Aber mein Adam geht gerne ab und an schwimmen. So richtig im kleinstädtischen Schwimmbad. Nicht zu verwechseln mit einem großstädtischen Erlebnis- und Spaßbad. Hier, wo lediglich Haubentaucher ihre gleichmäßigen Bahnen ziehen, liebt es mein Adam, im Wasser nur die Hälfte seines Gewichtes zu tragen und hübsch langsam von einer Seite des Schwimmbeckens zur anderen zu schwimmen. Und ich schwimme wie eine bleierne Ente und bin froh, wenn ich mich über Wasser halten kann.

Ich dagegen brauche ab und an Auslauf – am liebsten durch den Wald – um mich wohl zu fühlen und den Kopf wieder frei zu bekommen. Aber um des lieben Friedens willen bin ich ab und an auch bereit, mich in einen Badeanzug zu zwängen und ein wenig im Schwimmbad zu planschen. Nur: An diesem Tag hatte ich hier noch etwas zu tun und dort zu kramen und dann war noch dringend dieses zu erledigen. Ich meine, wann, außer Sonntags, komme ich doppeltbelastetes Rippchen denn dazu, meine Wäsche zu bügeln, die Fenster zu putzen und die Zeitungen zu sortieren? Nach drei Stunden ist leider mein Adam explodiert. Ich meine, hätte ich das geahnt, dann wären wir doch lieber gleich ins Schwimmbad gefahren und er hätte abgekühlt. So musste ich zu allem Unglück auch noch die Reste wegputzen.

Ich brauche dringend ein Wörterbuch: Adamdeutsch-Rippchendeutsch und umgekehrt. Oder verstehen Sie etwa ihren Adam immer?

Mittwoch, 5. September 2007

Altern: im Schnellgang

Jaja, das Alter …

Da dachte ich doch, ich käme ungeschoren davon …

Creme meine Falten sorgfältig im Spiegel, wiege besorgt meine angesammelten Pfunde, witzele gelegentlich über den Club der alten Schachteln, dem ich angehöre und dachte:

Alter? Och, wenn das so weitergeht, dann ist ja alles in Butter.

Ich meine, wer will denn wirklich noch mal siebzehn sein und all den Blödsinn von damals noch einmal verzapfen? Himmel hilf. Wie gut, dass die Zeit vorbei ist und die Jugendsünden glücklicherweise und größtenteils vergessen sind. Bis auf ein paar, aber die stehen hier nicht zur Debatte.

So ein bisschen Abgeklärtheit ist ja mit den Jahren ganz gut: Nichts kann einen mehr von den Socken hauen.

Dachte ich.

Bis neulich.

Als ich gefragt wurde, ob ich mich denn in den Pfarrgemeinderat wählen lassen würde.

Ich … äh … in … den … Pfarrgemeinde …

Mir fiel nichts mehr ein. Was jetzt? Muss ich mir beim nächsten Friseurbesuch Pudellöckchen drehen lassen? Stützstrümpfe kaufen? Ich spürte schon, wie sich oben im Gehirn der Kalk langsam löste und zu rieseln begann …

Hilfe!