Samstag, 26. April 2014

Vor 99 Jahren in der Türkei

Es gab so einen kurzen Moment, irgendwann im Bus, in dem Dämmer zwischen Schlafen und Wachen, in dem mein Blick hinaus aus dem Fenster auf das öde Land fiel, welches sich kahl und graubraun bis zum Horizont zog. Ich sah fahle runde Dinge - und war sofort hellwach. Phantasie ist ein grandioser Muntermacher. Glücklicherweise entpuppte sich das, was ich im ersten, noch schläfrigen Moment für menschliche Schädel hielt, später im wachen Licht als Überreste von Kürbissen.

Wieso ich die Reste helle Kürbisse in meiner Phantasie für menschliche Schädel hielt, lag sicherlich auch daran, dass ich vor der Reise in die Türkei ein Buch las, eines, das mich immer wieder fesselt und welches ich schon oft gelesen habe: "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel, ein Buch, das auf einer wahren Begebenheit beruht. Es liest sich unglaublich spannend, berichtet von Grausamkeiten und alltäglichem Heldenmut, und davon, dass durch den Widerstand und die Flucht der Menschen auf den Musa Dagh, den Berg Moses, etwa 4.000 Menschen dadurch gerettet werden, dass sie von einem französischen Kriegsschiff, der Guichen, aufgenommen werden. 

Vor inzwischen 99 Jahren, am 24. April 1915, beschloss die türkische Regierung, welche seit 1908 an der Macht war, die Armenier zu verhaften und zu deportieren, sie begannen, die Menschen aus ihren Häusern zu vertreiben, sie ermordeten Männer und Jungen, sie trieben die Frauen und Kinder auf lange Märsche, auf denen mindestens anderthalb Millionen Menschen starben. Überlebt haben nicht viele davon. Das sollten sie ja auch nicht. Es gibt eine Menge darüber zu lesen, wie hier auf Arte und diesen Dokumentarfilm kann man auch angucken. 

Irgendeiner aus der Reisegruppe stellte dann später, irgendwann, schon ziemlich gegen Schluss der Reise, die unvermeidliche Frage nach den Armeniern und der Schuld der Türken an den Reiseleiter. Er fragte so, wie es Lehrer manchmal so an sich haben, fragte den Reiseleiter auf eine Weise, dass es eigentlich auf diese Frage nur eine mögliche Antwort geben konnte. Doch der Reiseführer beantwortete diese Frage nach den Armeniern und dem Völkermord außerordentlich diplomatisch, wie er überhaupt immer diplomatisch war, wenn es um heikle Fragen ging. 

Nein, es sei kein Völkermord gewesen, aber eine Tragödie, meinte der Reiseleiter. Denn die Armenier mussten von der Grenze weg, ins Landesinnere. Na klar. Nur, dass alle, egal wo sie wohnten, gehen mussten. Vielleicht ist das für uns ein wenig schwer verständlich, aber die Türkei ist ein Land, in dem es nicht immer einfach ist, irgendeine persönliche Meinung zu haben und diese auch noch öffentlich zu verkünden, besonders dann nicht, wenn sie nicht mit der offiziellen Meinung übereinstimmt. Offiziell wird der Mord an den Armeniern von der türkischen Regierung immer noch bestritten, auch wenn sich Erdogan in diesem Jahr zum ersten Mal dazu geäußert hat. Und allein deswegen kann ein türkischer Reiseleiter auf eine polemische Lehrerfrage auch nur eine diplomatische Antwort geben. 


Freitag, 4. April 2014

Jetzt wird bunt geeiert: Die Osterbrunnen in Franken

Während es in diesem Jahr wunderbar warm ist - und hoffentlich auch bleibt - lag im vergangenen Jahr noch Schnee. Hier ist der Beweis: Auf dem Osterbrunnen in Bieberbach waren die Eier mit einer Schneehaube bedeckt.
Der Besuch in Bieberbach hat mich neugierig gemacht und ich wollte wissen, wer die ganzen Eier malt. Deswegen war ich im Nachbardorf und habe den Frauen zugeguckt. Erste Überraschung: Da malen junge Mädchen mit. Ich hatte tatsächlich nur ältere Damen erwartet. 


Noch ist der Brunnen am Kriegerdenkmal defekt – doch geschmückt wird er zu Ostern trotzdem. „Wir stellen Osterbäume auf und schmücken alles rund um den Brunnen“, bedauerte Judith, dass in diesem Jahr keine Osterkrone auf dem Brunnen sein wird. Kisten und Körbe voll bemalter Eier stehen in ihrer Küche und um den Tisch herum sitzen neben den alteingesessenen Ostereiermalerinnen auch die Kerwasmadla aus Oesdorf, die überall helfen, wo sie gebraucht werden. Mit Kerwasbaum, Kerwasmadla und FCN-Eiern haben sie sich jetzt auf den Ostereiern verewigt. Mit breitem Pinsel werden die Eier grundiert und mit Schaschlikstäbchen werden die Pünktchen und feinen Muster getupft. In Styroporplatten zum Trocknen gespießt, sehen diese bald aus, als sei auf ihnen ein Ostereierwald gewachsen.
Sind die Eier bemalt und trocken, werden sie auf die Osterketten gefädelt. Seit gut 15 Jahren wird der Brunnen hier mit den bunten Eiern geschmückt und so viele Jahre hingen diese inzwischen auf den Osterketten. Also war es höchste Zeit, alle Ketten einmal aufzudröseln. Die Eier wurden gezählt, gereinigt oder durch frisch bemalte ersetzt. Das ganze Jahr haben die Frauen bereits beim Kuchenbacken die ausgeblasenen Eier gesammelt, immerhin werden für alle Osterketten gut 700 Eier gebraucht.
Im Eifer des Ostereiermalens wird der Pinsel schon mal ins Trinkglas getunkt, statt in das dafür vorgesehen Wasserglas, und alle lachen.
Dass die Krone nicht auf den Brunnen kann, finden die Frauen und Mädchen schade. Der Herr vom zuständigen Bauamt erklärte später am Telefon, dass im Rahmen der Dorferneuerung der Brunnen einen neuen Schacht und Inneninstallation bekam: „Jetzt fehlt nur noch eine Pumpe“. Für die Reparatur des unvollständigen Mosaikes im Inneren des Brunnens müssten sich Bauamt und Militärverein noch einigen, wer welche Kosten übernimmt.
  
Wenn es an das eigentliche Schmücken des Osterbrunnens geht, sind viele Menschen aus dem Dorf bereit und helfen mit. Wer selbst nicht schmücken kann, bringt Kuchen und heißen Kaffee vorbei. „Wenn es kalt ist, dann kann man sich an einer heißen Tasse gut die Finger wärmen“, sagt Judith und lacht. Denn die Hauptsache ist die fröhliche Geselligkeit der fränkischen Frauen.




Montag, 24. März 2014

Reise nach Kappadokien: Der Kaffee

"Ei, wie schmeckt der Kaffee süße, lieblicher als tausend Küsse..."
der Text der Kaffeekantate von J. S. Bach war mir lange unverständlich. Wie kann jemand nur diese schwarze, bittere Brühe mögen, gar danach süchtig sein? Ich trank lieber Tee und hatte vorsichtshalber immer ein paar Beutelchen davon in der Tasche, nur so, für alle Fälle, falls ein Gastgeber zwar heißes Wasser, aber sonst nur Kaffee im Schrank vorrätig haben sollte. 
Die Zeiten sind längst passé. 
Milchkaffee, den ich damals noch quietschsüß trank, verbesserte mein Verhältnis zum Kaffee auf den ersten Schluck. Vielleicht lag es einfach daran, dass sämtlicher Kaffee, den ich vorher immer mal probiert habe, einfach kein guter Kaffee war, und wahrscheinlich auch mit viel zu kühlem Wasser aufgegossen. Wenn ich an die erste Kaffeemaschine meiner Eltern denke, dann glaube ich noch heute, dass die fussel- und schlierenfrei polierte Glaskanne wichtiger war, als das, was darin dampfte. 
Inzwischen trinke ich den Kaffee längst ohne Zucker, einfach deswegen, weil ich - es war zur Fastenzeit - auf etwas verzichten wollte, was wirklich schwer fiel. Das war der Zucker im Kaffee. Dachte ich. Nach relativ kurzer Zeit schmeckte er allerdings auch ohne die Süße, und das bis heute. 
Wie komme ich aber jetzt vom Kaffee in die Türkei?
Ganz einfach: 1683 wurde Wien zum zweiten Mal von den Türken belagert. Ein polnischer Kaufmann erbot sich - der Sage nach - Botschaften an das kaiserliche Heer zu überbringen, damit dieses die Wiener aus der Not retten konnten. Weil er die Türken kannte, türkisch sprach und sich als Belgrader Kaufmann ausgab (er hatte dort wirklich eine Weile gelebt), kam er mit List zum kaiserlichen Heer unter dem Herzog von Lothringen und übergab die Papiere. Er kam auch glücklich wieder nach Wien zurück, die Türken wurden besiegt und verjagt. 
Als Belohnung wählte er die Säcke mit den noch ungerösteten Kaffeebohnen, die Lager der Türken zurückgeblieben waren. Zusätzlich bekam er ein Haus geschenkt. Dieser erste Kaffee wurde nach türkischer Art zubereitet: fein pulverisiert, gekocht und mit dem Kaffeesatz am Boden, so dick, dass der Löffel stecken blieb. Was die Wiener dazu brachte, diesen Kaffee, der ihnen erst so gar nicht behagte, dann zu lieben, weiß ich nicht. Sicher ist nur: Wenn man Dinge oft genug probiert und von anderen hört, wie toll diese sind und wie gut sie schmecken, dann gewöhnt man sich an den Geschmack, auch wenn er zunächst noch so grauselig ist. Irgendwann schmeckt es eben doch. 
Ich hatte mich also auf den echten türkischen Kaffee gefreut. Echt. 
Und?
Der erste Kaffee im Hotel war - enttäuschend. Er schmeckte nicht. Er schmeckte mir nicht. Er schmeckte einfach verbrannt. Dabei hatte doch die UNESCO den türkischen Mokka in die Liste des (immateriellen) Weltkulturerbes aufgenommen. 
Der Reiseführer erwähnte irgendwann im Lauf der Reise, dass die Menschen in der Türkei seit etwa 100 Jahren lieber Tee als Kaffee tränken. Das lag daran, dass die von Atatürk neu gegründete Republik nur wenige Devisen zur Verfügung hatte, und diese für andere Dinge brauchte. Außerdem waren diejenigen, die mit Kaffee gehandelt und die Wirtschaft bis dahin dominiert hatten, nicht mehr da: Die Armenier waren tot und die Griechen wieder in Griechenland. In der Schwarzmeerregion war es warm genug für Tee, also gab es einen Erlass, dass dieser dort auch anzubauen sei. Hinter England und Nordirland ist die Türkei heutzutage weltweit auf dem dritten Platz, was den Verbrauch von Tee angeht. 
Auch der nächste Kaffee mit dem echten türkischen Kaffeesatz schmeckte verbrannt. Und der übernächste.
Irgendwann hab ich aufgegeben. 
Und Tee getrunken.
Vielleicht hätte ich einfach länger durchhalten sollen? Mag sein. Irgendwann gewöhnt man sich an alles, klar. 
Doch so viel Zeit blieb mir nicht. 
Macht ja nichts. 
Ich probiere es das nächste Mal einfach noch einmal. 
Oder habe ich nur den falschen Ort gewählt?
Wo hätte ich den türkischen Kaffee trinken müssen, der ein solcher Hochgenuss sein soll, Welterbe, ihr versteht?

Dienstag, 18. Februar 2014

Bamberg: Ausstellung in der Villa Concordia

Kunst ist, wenn man trotzdem lacht...
Neulich, auf Facebook, rutschte eine Einladung über meinen Bildschirm: In der Villa Concordia in Bamberg könne ich Kunst gucken gehen. Für umsonst. 

Warum auch nicht. Es war schließlich Sonntag, und nichts zu tun. Wer will denn schon sonntags arbeiten? Also auf nach Bamberg. 

Auto geparkt und den Rest gelaufen, durch enge Gassen und an alten Häusern vorbei. Im Innenhof eines dieser Häuser zogen sich die Elektrokabel außen an der Hauswand entlang. Am Gässchen endete an einer großen barocken Villa: Villa Concordia, was so viel wie Harmonie oder Einklang heißt. Die Treppenstufen sind beschriftet und über dem Gulli an der Straßenecke kniet eine junge Frau. Als wir fast an der Eingangstür angekommen sind, flitzt sie an uns vorbei, öffnet und entschuldigt sich kurz, weil sie so schmutzige Hände hat. Ihr sei der Schlüssel in den Gulli gefallen und sie müsse ihn wieder rausfischen. 

Sie führt uns nach oben, in den Anbau, in die Ausstellung. Erläutert kurz das Konzept der Villa, die an elf Monaten im Jahr für zwölf Künstler eine Heimat bietet. Bis zum 9. März sind also hier noch die Bilder von Nikita Alexeew zum Thema "Das Ufer" zu sehen. 

Auf einer Wand sind das einfach Fotos. Fotos von der Regnitz. Einmal das rechte Flussufer, einmal das linke. Immer abwechselnd. Lustig werden die Fotos erst durch die Texte, die darunter zu lesen sind. Hier vergleicht Alexeew die Regnitz mit dem Styx, dem Fluss, den nach der griechischen Sage die Toten überqueren, mit Charon als Fährmann. Doch wer über den Styx reist, kommt gewöhnlich nicht zurück. So lange eine Flussüberquerung dauert, so lange ist es nicht sicher, auf welchem Fluss die Fähre unterwegs ist. Erst wenn das Ufer in Sicht kommt, lässt sich ein Wasser vom anderen unterscheiden. 



Während Alexeejew von einem Ufer zum anderen gondelte, ob auf dem Styx oder der Regnitz, Charon von der Fähre sprang, saß dort am Ufer und bastelte in seiner Phantasie fragile Gebilde aus Treibholz und bannte sie mit Aquarell auf Papier. Serielle Fotos, serielle Zeichnungen. Sehr schön. Ich habe versucht, den Titel des Bildes jeweils zu entdecken, manchmal ist es mir gelungen, jedenfalls glaube ich das, aber nicht immer. Es darf auch immer etwas Geheimnisvolles dabei sein, ich muss nicht alles so verstehen und sehen, was der Künstler so gemeint hat. Ich bin ja nicht im Schulunterricht und muss herauskriegen, was jetzt der Lehrer von mir hören will. So zerbrechlich stehen die gemalten Skulpturen auf den Bildern am Strand, dass auf den ersten Blick klar ist: Halten würde das nicht. Wie Luftschlösser oder tanzende Elfen stehen sie am Ufer eines beliebigen Flusses. 

Ein zweiter Teil der Ausstellung ist im alten Rathaus in Bamberg. Einige Videoloops von Manuel Graf, die sind kurz genug, damit ich sie in ganzer Länge angucken kann. Das finde ich in anderen Ausstellungen oft sehr schade, da sind entweder zu viele solcher Installationen oder die dauern so lange, dass ich dann doch lieber weiter ziehe. Jedenfalls sind sie lustig: Eine erinnerte mich an das Bleigießen an Silvester, da entstanden digitale Blasen und Gebilde, die auch benamst wurden. Auf einem Stuhl stand ebenfalls ein Bildschirm und verzog die Lehne. Drei zerrissene Stücke waren dort von Leonid Tsvetkov, und auch hier stand etwas von Nikita Alexeejew: Wurden im Mittelalter die Reliquien der Heiligen verehrt und die Knochen nach dem Tod in reich verzierte Kästchen gesperrt, so geschieht selbiges mit den Dingen, welche heutzutage von den Mächtigen benutzt werden. Diese werden ebenfalls heilig gehalten und hoch verehrt. Doch woher wollten wir denn wissen, ob Magritte jenes Trinkglas oder Warhol jene Taschenlampe, Krupp diesen Schlüssel oder Mussolini ein Schweizer Taschenmesser hatte? In ihrer industriellen Fertigung sind die Gegenstände derart austauschbar, dass die auratische Aufladung durch deren Benutzung unsichtbar ist. Das gilt ebenso für Goethes Federkiel, aber der war wenigstens handgeschnitzt. Alexeejews Zeichnungen vom Schlüssel, Trinkglas, Taschenlampe oder Taschenmesser sind mit ihrer zuweisenden Beschreibung ein spöttisches Augenzwinkern. Nehmt alles nicht so ernst.

Wie gesagt. Schön war es, vergnüglich und pfiffig.
Wer noch will und noch nicht hat, der sollte sich beeilen: Bis zum 9. März ist nicht mehr viel Zeit.  
Ach so. Der anfangs erwähnte Schlüssel wurde aus dem Gulli befreit. Und mit vereinten Kräften das eiserne Gitter wieder richtig eingesetzt. Also: Alles ist am richtigen Platz, Schlüssel, wie Gullideckel. 

Samstag, 15. Februar 2014

Karpfen - eine Annäherung

Bei meiner ersten Begegnung mit einem Karpfen war ich sieben Jahre alt: Der Karpfen schwamm in unserer blauen Kinderbadewanne, die auf dem Fußboden in der Küche stand. Ich kniete neben der Wanne und schaute fasziniert zu, wie der Fisch seine gering bemessenen Runden drehte. Vorsichtig steckte ich die Hand ins Wasser und streichelte den Karpfen vorsichtig über den Rücken. Iiiih. Glitschig und kalt. Ich wähnte mich mutig. Noch mutiger war mein kleiner Bruder, fünf Jahre jünger als ich. Der steckte die Arme bis über beide Ellenbogen in das Wasser, wollte den Fisch fangen und haben. Es gab einen lauten Platscher und er kippte kopfüber in die Wanne, gleichzeitig sprang der Fisch hinaus und zappelte wild auf dem Fußboden. Brüderchen saß breit grinsend und patschnass im Wasser, freute sich ganz offensichtlich und stemmte die Hände auf dem Wannenrand. Es ist erstaunlich, wie kleine Jungs eine für alle anderen offensichtliche Niederlage sofort in einen Sieg für sich ummünzen. Jedenfalls war alles zusammen eine schöne Sauerei, überall Wasser und der kleine Bruder ebenfalls patschnass. Ich glaube, da hatten meine beiden Eltern eine Weile zu tun, bis alles wieder trocken war. 

Ich war längst erwachsen und hatte ein Kind, als ich die nächste Begegnung mit einem Karpfen hatte, der in Stücke geschnitten und blau zu Heiligabend auf dem Teller mit dem Goldrand lag. Das freundlich gemeinte Angebot an das Kind, es könne auch Fischstäbchen essen wies selbiges empört zurück: "Ich bin doch kein Baby mehr". Dabei blieb es. Zwar isst keine meiner Lieblingshausziegen Fisch, aber der Karpfen zählt nicht zu dieser Gattung. Vielleicht haben das ja die Mönche auch so gesehen, die seit dem Mittelalter den Karpfen in Weihern züchteten. Karpfen, nun ja. Wenn es sein musste, dann habe ich ihn gegessen, aber so überragend fand ich ihn nicht. Es ist mit dem Karpfen wie mit vielen anderen Dingen auch: Weil er teuer war, gab es ihn selten. Heiligabend war ein besonderer Abend, da musste auch das Essen dem Anlass entsprechend angemessen sein. In diesem Fall gab es den Karpfen aus der Tradition der bürgerlichen Küche heraus, weil es schon immer so war und selbst die Lieblingshausziegen führen diese Familientradition fort, weil es sich nun einmal so gehört, keiner außer ihnen sie weiter führen kann. Und weil der Karpfen zu Weihnachten kein Zankapfel war, sondern ein Symbol: Der Tisch war weiß gedeckt, mit dem Goldrandgeschirr und Silberbesteck, jeder hat sich extra und ordentlich angezogen und nach dem Essen wurden auch die Geschenke überreicht. 



Donnerstag, 13. Februar 2014

Unterwegs im Aischgrund

Je kleiner die Straßen werden, die in den Aischgrund führen, desto lauter knirschen die Reifen des Autos auf der Fahrbahn. Der Winter ist noch einmal zurück gekommen und hier wird weder geräumt, noch gestreut. Weit geht der Blick über die Ebene, hier gibt es keine Berge als Begrenzung. Die Kirchtürme der Dörfer ragen über den Feldern und Teichen hoch wie die Leuchttürme am Rand der Meere und zeigen an: Hier in den Häusern überall wird gewohnt und geliebt und gegessen und gelacht. 
Überall und rundherum ist Wasser. Nicht so, wie an der Nordsee, an einem Stück, sondern in vielen kleinen Teichen, einer am anderen, einer neben dem anderen. Zwischen den Teichen kann ich gehen. Es gibt richtige Wege, die auch extra gekennzeichnet sind, aber ich kann auch oben über die Dammkronen stiefeln. Das ist ein bisschen wie Hüpfekästchen, nur dass es hier besser ist, wenn ich die Hüpfekästchen, das heißt, die Teiche, nicht treffe. Sonst werde ich nass. Leider kann ich nicht sehen, ob die Teiche auch bewohnt sind. Aber die Reiher ringsherum wissen das sicherlich besser, als ich. Die sitzen und waten und warten. Geduldig. Sie haben Zeit. Mehr als ich. 

Der gewöhnliche Teichbewohner im Aischgrund ist der Aischgrund-Karpfen, der hier seit mehr als 1250 Jahren gezüchtet wird. Weil die Kirche Fastenzeiten verordnete und weil der Karpfen als Fisch in dieser Zeit erlaubt war. Außerdem schmeckt er gut, wenn er ausreichend gewässert wurde. 
Der unschätzbare Vorteil einer Wanderung im Winter durch den Aischgrund ist außerdem: Es sind in dieser Jahreszeit garantiert keine Mücken unterwegs. Wie das im Sommer ist, weiß ich noch nicht. Das wird sich dann zeigen, wenn es so weit ist. Jetzt ist das Schilf weiß überzuckert, ein Hase macht Männchen und ich wusste gar nicht, dass Hasen so groß werden können. Der guckte bestimmt mehr als einen halben Meter hoch. Rehe laufen gemächlich, entweder sind sie an Spaziergänger gewöhnt, oder sie erwarten keine und sind deswegen unbekümmert. Wer weiß das schon. Nur eines, das ein wenig hinter den anderen her trödelt und mir daher näher kommt, kriegt einen Schreck und beeilt sich lieber. 

So ein Hüpfekästchenwandern ist sehr nett. Erst geht es eine Weile in die Richtung, aus der die Sonne scheint, und dann zurück. So ganz ohne Plan. Die Suche nach dem Auto, welches im Irgendwo am Straßenrand steht, ist dann der Stresstest: War ich nun an diesem Teich vorbeigegangen, oder am nächsten. Klar ist: Das Dörfchen, welches gerade vor mir liegt, dort war ich nicht. Also geht es wieder zurück, bis dorthin zu der kleinen Wegkreuzung, wo ich bereits auf dem Hinweg vorbeikam. Kurz vorher zweigt ein schmaler Pfad links ab. Jetzt zeigt sich der eindeutige Vorteil von Schnee, Matsch und Winter: Meine Stiefelspuren sind deutlich zu sehen. Puh. 
Das Auto wartet. 
Zur Belohnung gab es einen Krapfen. In Höchstadt. Mit einer Füllung aus Hagebuttenmark, das hier in Oberfranken Hiffenmark heißt. Allerdings las ich erst auf dem Schild, das vor der Bäckerei stand: Karpfen. 
Karpfen und Krapfen. 

Freitag, 7. Februar 2014

Webmasterfriday: Wer bin ich

Weil Martin vom Webmasterfriday den Überblick verloren hat, möchte er gerne wissen, wer eigentlich die Blogs betreibt. Und so gibt es heute einen 

Blog-Steckbrief in eigener Sache

Wer bist Du und was von deinem Privaten ist für den Blog relevant?
Wie viele andere Menschen auch, bin ich eine Sammlung aus den unterschiedlichsten Rollen: Frau, Muttertier, Schreiberin, Beobachterin, Fotografin, Köchin, in Kürze Oma... (hier lassen sich bei Bedarf auch noch mehr aufzählen). 
Ich gehe gerne wandern. Das ist für den Blog im Moment relevant. Manchmal kommt ein Rezept dazu, oder auch Gedanken zu anderen Dingen. Ich habe den Blog in 111 Sachen in Franken machen umbenannt, als ich im Sommer nach Franken zog.Und weil es sich immer noch wie Urlaub anfühlt, wenn ich hier unterwegs bin, Orte entdecke und dann darüber schreibe. Persönlicher wird es eher auf meinem anderen Blog. Doch dort schreibe ich im Moment nicht so häufig.
Einen anderen Blog habe ich kürzlich mit der Lieblingshausziege eröffnet: Auf Muttertierleben schreibe ich über das Leben mit einem Teenie, und sie antwortet oder schreibt eigene Gedanken auf ihrem Blog. Mal sehen, was daraus wird. 

Wie lange bloggst Du schon?
Seit sieben Jahren. Inzwischen bereite ich den Umzug von blogspot auf eine eigene Webseite vor. Demnächst. Wenn mal Zeit ist, alles fertig zu stellen.  

Was ist das Hauptthema Deines Blogs und welches sind Deine erfolgreichsten bzw. wichtigsten Artikel bisher?
Vor sieben Jahren habe ich mir über mein Blogthema keine Gedanken weiter gemacht, ich habe einfach gebloggt, was mich interessiert hat und was mir so einfiel. Manchmal verging relativ viel Zeit zwischen den einzelnen Posts, weil ich ja auch mein Geld mit dem Schreiben verdiene. Die Konzentration auf die Entdeckungen in Franken und die Beschreibungen davon hat sich deswegen herauskristallisiert, weil die Beiträge über Wanderungen am Erfolgreichsten waren. Das hatte ich ursprünglich gar nicht so geplant, zumal diese ersten Wanderposts eigentlich nur "Zweitverwertung" waren, von meinen Artikeln, die in der Zeitung standen. 

Hast Du Ziele mit deinem Blog? 
Bisher nicht. Wenn ich allerdings die Wander- und Entdeckerposts dann auf einer eigenen Webseite habe, kann es schon sein, dass ich diese zu einem Buch zusammen fasse. Außerdem bin ich gerade dabei, eine Reihe von Texten zu schreiben, die sich um den Weg zu einem persönlichen und kreativen Reise- oder Wandertagebuch drehen. Ob das nun ein Buch wird, oder ich diese als Blogbeiträge veröffentliche, das weiß ich noch nicht. Mal sehen. Bisher trage ich Ideen zusammen, sammele kreative Techniken, probiere selber diese Dinge aus und lese viel dazu. 

Welche anderen Blogs liest Du gerne? 
Da gibt es eine ganze Menge, so viele kann ich hier gar nicht aufzählen. Aber drei möchte ich doch erwähnen: 
Isabel Bogdan (die ich in einem Seminar in Wolfenbüttel kennen gelernt habe) 
Frederik Weitz (der viel über die Struktur von Sprache und Schrift schreibt und Videos dazu veröffentlicht) 
Kolumnen lese ich immer gerne (da gibt es oft was zum Lachen)