Montag, 3. Februar 2014

Der Staffelberg im Gottesgarten

Von Himmelhoch oben, wenn ich vom Staffelberg runtergucke, von dort ist die Aussicht großartig. Und das erst recht deswegen, weil der oberste Teil des Berges gut 50 Meter über allem thront. Nichts versperrt die Sicht, nur ein bisschen Dunst liegt über der Mainebene, aber das sieht nur aus, als wären die Fenster dorthin länger nicht mehr geputzt worden. Nur muss ich zuerst hinauf kommen: 

Der Weg jedenfalls ist gut beschildert, gefühlt ist jeder dritte Baum mit den Piktogrammen bestückt, die den Weg anzeigen sollen, selbst dort, wo rechts und links nur Wiese und Feld ist und ich mich eigentlich nicht verlaufen kann, weil nur ein einziger erkennbarer Weg nach oben führt. 

Eine einsame Schuhsohle liegt im Straßengraben. Ich hatte schon geahnt, dass der Aufstieg anstrengend sein würde, ja, aber so? Es sind doch nur insgesamt 200 Höhenmeter. Der Lieblingshausziege bin ich zu langsam: Im Takt der Musik ginge es schneller, behauptet sie. Also kriege ich ihre Kopfhörer auf die Ohren, während sie den MP3-Player in der Hand behält und mich so quasi an der Leine zieht. Der Weg geht zunächst durch einen Waldgürtel bergan. Auf den beiden nächsten Ebenen, die durch Hecken voneinander getrennt sind, liegt noch Schnee und knirscht unter den Stiefeln. Anschließend wird es steil und matschig. Hier hat die Sonne den Schnee auf dem Weg schon getaut und mit jedem Schritt pappt etwas mehr Matsch an den Sohlen, die so immer schwerer werden. Deswegen lasse ich den Blick lieber auf dem Boden, spiele nicht Hans-Guck-in-die-Luft, sonst rutsche ich weg und lande auf dem Po. Aber irgendwann bin ich oben. Unter einem Kreuz ist ein Tisch, der jetzt dem Rucksack als Ablage dient. Als fünfzig Meter entfernt eine Frau von ihrer Bank aufsteht, flitzt die Lieblingshausziege los und lässt sich dafür das angebissene Brot ebenso wie den Kopfhörer mit Musik hinterhertragen.

Hier von oben reicht der Blick weit, die Autobahn lärmt unten, die Giebel der Häuser in Bad Staffelstein leuchten sonnenhell. Von hier oben sieht alles proper aus. Alles eine Frage der Perspektive: Wer nahe genug am Himmel ist, den kümmert der Kram am Boden wenig. So hoch auf dem Gipfel stehe ich alles überragend, hervorragend eben.

Weil in Bayern auf allem, was höher als ein Maulwurfshügel ist, ein Kreuz steht, sind hier gleich vier davon versammelt. Ist ja auch der Staffelberg. Ursprünglich haben hier oben die Kelten in der Stadt Menosgada gewohnt, 300 Jahre, bevor Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Wasser aus einem Brunnen gab es hier oben keines, das musste von weiter unten geholt werden. Nur eine Zisterne sammelte damals das Regenwasser. Drei Hektar groß ist das Hochplateau, auf welchem die Akropolis stand. Der einzige Zugang war damals vom Norden, dort ist heute der Fahrweg für die Belieferung der Klause, einer kleinen Hütte, in der es für Wanderer und Ausflügler etwas zu essen und trinken gibt. Inzwischen kann der Staffelberg von allen Himmelsrichtungen aus bestiegen werden, irgendein Weg findet sich immer. Und von den einst rundum angelegten steinernen Mauern zur Befestigung steht auch nichts mehr. Nur ein kleiner Rest davon ist noch zu sehen, wieder aufgebaut von den Archäologen, welche einige Löcher im Felsboden als Löcher für Mauerstützen identifizieren konnten. 

Nach den Kelten siedelten die Germanen hier oben und hatten hier ebenfalls eine Burganlage. Später musste natürlich auch eine Kirche aufgebaut werden. 
1525 im Bauernkrieg zerstört, wurde das Kirchlein nach dem dreißigjährigen Krieg wieder erneut errichtet. An der Stelle, wo heute neben der Kirche die kleine Wirtschaft steht, wohnten früher gut 250 Jahre lang Eremiten. Joseph Victor von Scheffel erwähnt einen davon in einem seiner Gedichte 

Die Kirche ist der heiligen Adelgundis gewidmet und wahrscheinlich auf einer heidnischen Kultstätte errichtet. 
Die Felsen sind steil und am Rand zerklüftet. Die Lieblingshausziege fand Spuren auf einem schmalen Pfad, die den Berg hinunter führen und wäre ihnen gerne gefolgt. Ich hätte ja auch Lust dazu gehabt, aber der Schnee - nein, hier blieb ich lieber mütterlich besorgt und wir gingen einen ganz normalen Weg hinab, weshalb die Lieblingshausziege ordentlich beleidigt war, und dann nach rechts über die Wiesen, damit die Richtung zum Auto stimmte. 
Weil ich vorher von einer fixen Idee geplagt war, gab es Picknick nach keltischer Art: Rezept folgt. 
Und was ich - allerdings nicht bei dieser Kälte - wirklich gerne machen würde: Drei Tage auf dem Staffelberg verbringen. Unter dem weiten Himmel. Zum Staunen und Schreiben.