Sonntag, 9. Februar 2014

Märchenstunde in Forchheim

Das ist echt gemein von den Gebrüdern Grimm: Sie verrieten einfach nicht, was der Junge in dem Kästchen fand, das er mit dem goldenen Schlüsselchen öffnete:
"Er probierte, und der Schlüssel passte glücklich.
Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen." (Kinder- und Hausmärchen: Der goldene Schlüssel)

In der Forchheimer Kapelle St. Gereon las Rainer Streng einige weniger bekannte Märchen der Gebrüder Grimm vor und Christian Elsas spielte dazwischen auf dem Klavier. Erst eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung las ich die Mail, in der ich gefragt wurde, ob ich nicht Lust auf einen Märchenabend hätte. Zwar war ich gerade erst vom Ausflug zurück, doch mit der Aussicht auf einen Märchenabend wurde ich flugs wieder munter. Und so schön, wie ich es erhofft hatte, wurde es auch. Die Musikstücke woben ein Gespinst, in dem die gelesenen Märchen sicher ruhten. Es war wie ein Zauber des Augenblicks, mit einem Fallen-Lassen in die Erzählung. Ich meine, wer von den Erwachsenen bekommt denn heutzutage noch etwas richtig vorgelesen. Klar, ich kann mir ein Hörbuch kaufen, doch das ersetzt nicht die Stimmung, die in dieser mittelalterlichen Kapelle mit ihrem kargen Schmuck herrschte, in der jemand in echt und live vorlas. 

"Ich gehe doch nicht zu einer Märchenstunde", werden wohl die Männer gepoltert haben, deren Frauen lieber die Märchenlesung, als Olympia auf dem Fernsehbildschirm erleben wollten. An diesem Abend waren Frauen eindeutig in der Überzahl. Überhaupt: Von mehr als 100 Märchen und Geschichten, welche Jacob und Wilhelm Grimm einst zusammentrugen, sind den meisten Menschen nur ein gutes Dutzend wirklich bekannt. Als da wären: Dornröschen, Aschenputtel, Hänsel und Gretel, der gestiefelte Kater, Schneewittchen, Frau Holle, der Wolf und die sieben Geißlein, König Drosselbart, der Froschkönig, Rumpelstilzchen, die Bremer Stadtmusikanten, Brüderchen und Schwesterchen, Tischlein-deck-dich... Aber um diese ging es an diesem Abend gar nicht. 

Mit "Es war einmal... " beginnen viele dieser Märchen und erzählen von einem Glück, welches nur auf den Finder wartet. Doch vor dem erlösenden "... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute", passiert so viel Schreckliches, dass längst darüber diskutiert wird, ob man Kindern solche Grausamkeiten noch vorlesen könne. Denn in ihnen wird Gewalt beschrieben: Kinder werden aus dem Haus gejagt, gequält und verstoßen, Frauen werden unterdrückt, genötigt, werden als Hexen gebrandmarkt und in den Ofen geschoben.

Kinder waren an diesem Abend nicht anwesend, doch die Anwesenden wurden wieder wie zu lauschenden Kindern: Kein Laut war zu hören, jedenfalls nicht, solange Rainer Streng las oder Christian Elsas spielte. Sämtliche Pausenhuster beschränkten sich auf dieselben. Das einzige Geräusch, welches störte, kam von außen, immer dann, wenn ein Auto auf der nassen Straße vorbeifuhr und die Reifen über den Asphalt quatschten. 

Überhaupt: Es war erstaunlich voll, auch wenn die Gereonskapelle klein ist und nur etwas mehr als 100 Menschen einen Sitzplatz finden. Märchen sind offensichtlich doch mehr, als nur etwas für kleine Kinder. Zwar können die alten Märchen nichts über das komplizierte Leben in der Moderne erzählen, denn sie entstanden weit vor dieser Zeit. Trotzdem sprechen sie junge Menschen genauso an, wie ältere. Was also bieten die Märchen, so dass die Zuhörer einen Eintritt zahlen, damit sie diese hören können?

Schiller schrieb einmal über die Märchen: "Tiefere Bedeutung liegt in dem Märchen meiner Kinderjahre, als in der Wahrheit, die das Leben lehrt." (Die Piccolomini)
Neben ihrem wörtlichen bieten die Märchen einen tieferen Sinn, sie sprechen die Menschen an, weil sich in ihnen die persönlichen Entwicklungen als Gleichnisse, als Orientierung, als Handeln am Beispiel, erfahren lassen: Wer nur eine kleine Maus ist, und sich mit der Katze anfreundet, die schmeichelt und sich verstellt, der muss sich nicht wundern, wenn er gefressen wird.

Höre ich einem Märchen zu, dann lebe ich für eine kurze Zeit in einer Phantasie, wie auch immer die Wirklichkeit aussehen mag. Deswegen sind für mich die alten Märchen wie ein altes Schatzkästchen: Wer den goldenen Schlüssel findet, bekommt mit diesem den Zugang zu einem wirklichen Reichtum.