Sonntag, 19. Januar 2014

Ein Weg im Paradies(-tal)

Seit die Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden, vor ewigen Zeiten, gibt es diese Sehnsucht, dorthin zurückzukehren. Es ist eine Sehnsucht nach einer ursprünglichen Natur, nach einer Schönheit, nach dem verlorenen Paradies eben. Kultur ist dagegen Verwandlung der Natur, Veredelung und Bändigung durch Zivilisation und künstlerische Gestaltung, durch Form und Norm. 

Nicht weit von Bamberg entfernt ist das Paradiestal. Hier kann ich im Himmel zur Probe wohnen, oder wenigstens probelaufen. Auf dem Weg kurz vor Treunitz ist rechts der Parkplatz, doch bis zum Eingang ins Paradies muss ich auf der Straße gehen. Dort ist es eng: Zwischen Fels und Straße ist nur ein fußbreiter Randstreifen. Hoffentlich kommt jetzt kein Auto schnell ums Eck, ich habe wenig Lust, als Kühlerfigur zu enden. Alles geht gut - und das Tor zum Paradies steht offen.

Felsen stehen rechts und links im dichten Wald, manche sind durchlöchert, als würden Bienen in ihnen wohnen. Einen richtigen Weg gibt es nicht im breiten Tal, alles ist breiter Weg, jetzt im Januar, eine breite Wiesenautobahn für Fußgänger, nur gefurcht von einigen Treckerspuren. 


Von weitem leuchtet etwas blau und orange, es sieht aus, als grüßten in ordentlichen Abständen Blüten auf grünem Laub. Doch als ich näherkomme, sehe ich: Ich habe mich geirrt. Kleine Tännchen stehen in Reih und Glied ordentlich am Waldrand und auf ihnen stecken blaue und orangefarbene Klammern. So können die Rehe nicht die Spitzen der Bäumchen als Leckerbissen abknabbern. Wenn die künftigen Weihnachtsbäume ohne Spitze sind, dann lässt sich auch keine Weihnachtsbaumspitze aufstecken. Und was ist ein Weihnachtsbaum ohne Spitze? Eben. Dort, wo die Rehe schneller waren, gibt es keine solche Tannenspitze mehr, sondern nur noch einen kleiner Quirl. 


Ein Stückchen weiter guckt ein Felsen wie ein versteinerter Löwenkopf über das Tal. Hier haben eine ganze Menge Felsen richtige Namen bekommen, dieser heißt offiziell "Silberwand". In einer kleinen Felsnische liegt eine gelbe, verschlossene Plastiktüte. Ich will gar nicht wissen, was wohl darin sein könnte. Die schmale Felskammer nebenan wurde jedenfalls schmählich als Klo missbraucht. Mir ist schon klar, dass, wenn Menschen stundenlang an einem Ort sind, an einem Felsen klettern, dann müssen sie auch mal. Das ist so und das ist menschlich. Trotzdem ist diese kleine Felskammer als Klo nicht schön. (Zugegeben: ein blaues Dixie-Klo wäre noch viel häßlicher). An diesem Felsen sind - wie an einigen anderen auch - Haken für Kletterer dran. Und eine Plakette mit der Rufnummer für die Bergwacht, falls jemand runterpurzelt und Hilfe braucht. 

Das Blaue Meer ist nur eine Pfütze mit Schlamm unter einem Felsüberhang. Das ist auch kein Wunder, selbst im Paradies nicht. Denn das Paradiestal ist ein Trockental: Nur nach starken Regenfällen oder nach der Schneeschmelze ist Wasser drin, dann auch gerne so viel, dass es kaum begehbar oder ganz überschwemmt ist. In der übrigen Zeit ist es trocken und nur ein kleines Rinnsal schlängelt sich durch das Tal, welches ungefähr sechs Kilometer lang ist.


Als das Tal links abbiegt, liegt rechts unter einem Felsen ein Keller: Hier wurde einst Eis und Bier gelagert. Zwar ist der Keller offensichtlich saniert, doch ein festes Gitter versperrt den Zugang und zu essen oder trinken gibt es nichts, auch im Sommer nicht. Wer also im Paradies Hunger und Durst bekommt, muss für sich selber sorgen und alles im Rucksack tragen. Auf der anderen Talseite steht der Predigtstuhl. 
Kurz vor dem Ende wird das Paradies noch einmal wildromantisch und an einem Felsen, dem Langenstein, klettert selbst im milden Januar jemand herum. 



Wie im wirklichen Leben auch, liegt gleich neben dem Paradies die Hölle: Diese heißt auf der linken Seite des Weges Bundesautobahn A70 und führt von Bamberg nach Bayreuth. Weil es Samstag ist, ist verhältnismäßig wenig los, aber es ist trotzdem laut. Auf der rechten Seite ist eine endlos scheinende Photovoltaik-Anlage hinter einem Stacheldrahtzaun eingesperrt und von Kameras bewacht. So kriegen die Paneelen keine Beine, hofft der Betreiber. Zwischen zwei dieser Anlagen führt der Rundweg mit dem blauen Kreis schlussendlich hindurch und auch weg von der Autobahn. Hier mussten die Vögel ganz schön laut zwitschern und den Straßenlärm übertönen. Werden die dabei nicht schwerhörig?


Ein Schild erklärt den Weg: Jetzt soll es nach rechts gehen. Von dort, wo der Pfeil nach unten zeigt, kam der Weg hier auf die Höhe. Also rechts. Doch das Schild führt in die Irre. 


Weil an der nächsten Weggabelung kein Schild klebt, geht es lieber zurück als in die Irre und siehe da: Hinter dem neu gestalteten Schild ist der blaue Kreis noch da und zeigt, dass der Weg geradeaus weiter geht. 


Die Obstbäume haben sich mit Moos zugedeckt, obwohl es in diesem Jahr noch gar nicht richtig kalt war. Es geht hinein in den Wald, der hier ein richtig schöner Märchenwald ist: Ein dunkler Moosteppich ist unter den Tannen ausgebreitet und von den Zweigen hängen lange Moosbärte. Fehlt nur noch, dass Rotkäppchen vorbei hüpft und dem Wolf begegnet. Der Wald ist so dicht, dass die Sonnenstrahlen nur am Waldrand auf den Boden reichen. Dort stehen vier Stühle, passend zum Ruhen und es kommen andere Wanderer des Wegs, zwar nicht mit Wolf, dafür aber mit Hund. 
Ein kurzer steiler Weg führt hinunter nach Treunitz, welches sich auf einem Schild selbst als Pfifferdorf bezeichnet. Vor einem Haus stehen zwei umgedrehte Blechschüsseln rot bemalt und weiß bepunktet auf Holzstangen: Pfiffer ist fränkisch und heißt "Pilz". 

Der Weg führt ein kurzes Stück wieder direkt an der Straße entlang, links fließt klar die Wiesent, deren Quelle nicht weit von hier ist, rechts sind Felsen. Glücklicherweise biegt bald ein Feldweg ab, führt über das Flüsschen, welches ab dann rechts vom Weg liegt, und dafür sind links die Felsen, auch wieder zum Klettern. Nur noch ein kurzes Stück - und der Parkplatz ist erreicht. Schön war es im Paradies. Und weil es nicht so weit weg ist, kann ich hier ja öfter hin.