Freitag, 15. November 2013

Eine Reise an das Ende der Welt


Ich hatte mir eine Tour durch die Wüste immer beschwerlich und schweißtreibend vorgestellt. In meiner Fantasie zogen mit Spezereien und Edelsteinen, Seidenstoffen und Aphrodisiaka beladene Kamele gemächlich Jahrhunderte alte Pfade entlang. Die Wege gesäumt von verendeten, unter ihrer Last zusammengebrochenen Tieren. Bleiche Schädel bleckten Zähne in die Sonne, durch hoch aufragende Rippenbögen pfiff Wüstenwind körnigen Sand. Reste graugelber Kamelhaut wehten gedörrt, von Aasgeiern zerrupft, über mumifizierten Leichen. Immer wieder die bange und lebenswichtige Frage: Ob dieser sandverwehte Pfad noch der richtige sei - oder würde er geradewegs in den hitzeflimmernden Horizont zu einer Fata Morgana führen, welche die Reisenden mit dem Trugbild einer Oase narrte und sinnenverwirrt verdursten ließ? Schwer bewaffnete und vermummte Söldner begleiteten und schützten Leiber und Leben der Reisenden und der Tiere. Denn manchmal überfielen mutige Krieger auf mageren Pferden die Karawanen, ihr Leben in den wenigen Oasen der Wüste war sonst zu schwer und karg.

Als ich die Reise ans Ende der Welt selbst begann, führte eine moderne Wüstenstraße geteert und schnurgerade zum Horizont, die scharf gezogenen Ränder von kleinen Sandwehen verwischt. Bis an den Südrand des alten Reiches fuhr ich in einem Konvoi klimatisierter Reisebusse.

Im Dunkel der Nacht noch hatte sich der Zug auf einem großen Parkplatz im Schutz der Militärs formiert, bevor es hinaus in die Todeszone ging. Blutjunge, hagere Soldaten in abgewetzten Uniformen und mit blank geputzten Uzis fuhren in jedem Fahrzeug auf den aussichtsreichsten Plätzen in der ersten Reihe. Ob gleich bewaffnete Männer aus den schwarzen Schatten der Sand- und Kiesberge die Busse stürmen würden?

Die Dunkelheit der Nacht ließ meine Fantasie Purzelbäume schlagen. Wie real war die Bedrohung?
Langsam zeigte sich am östlichen Horizont ein schmaler Lichtstreif, und genauso langsam erhob sich die Sonne zu ihrem täglichen Lauf. Die alten Ägypter glaubten, Nut, die alles überspannende, blaue Himmelsgöttin, schlucke jeden Abend die Sonne, um sie am Morgen neu zu gebären.

Die Straße war menschenleer. In größeren Abständen luden Haltebuchten ein, in der sandigen und felsigen Ödnis zu verweilen. Doch die Fahrzeuge rasten immer weiter. Ich warf einen Blick auf den Tacho: Die Nadel stand still am Anschlag. "Kaputt?" Der Fahrer schüttelte den Kopf unter seiner Kefijah: "No, madam. Maximum speed."

Drei lange Stunden bretterten die achtzig vollbesetzten Busse durch die nubische Wüste bis zu einem riesigen, mit Stacheldraht umzäunten, leeren Parkplatz. Flache Gebäude säumten eine Längsseite: Toiletten - am Ende der Welt wurde die Zivilisation von Wasserklos verteidigt. Die Händler auf dem Weg zum Gasthaus wurden munter und kamen mit ihren Waren aus dem Dunkel ihrer Verschläge heraus: "Parlez-vous Francais?" - "Do you speak English?" - "Sprechen Sie Deutsch?"

Woran sahen die Händler, in welcher Sprache sie ihre Tücher und Figuren anbieten mussten? Ich schaute an mir herab: Was unterschied mich von den Israelis, die hinter mir gingen?

Ich sah mich um. Lächelnde Japaner posierten mit dem Victory-Zeichen vor ihren Kameras, rotgesichtige Holländer wischten sich mit blaukarierten Taschentüchern den Schweiß von der Stirn, zierliche Französinnen trugen entgegen aller Empfehlungen nur einen Hauch an Stoff. Globetrotter aus aller Welt, in Khaki uniformiert und mit schweren Objektiven bewaffnet, schraubten an den Bajonettverschlüssen der Spiegelreflexkameras. Die Menge schob sich langsam zu einem flachen Gebäude, das von einem starken Metallzaun umgeben war. Schwer bewaffnete, junge Männer standen scheinbar gleichgültig herum. Doch unter den langen, schwarzen Wimpern musterten hellwache Augen jeden Einzelnen durchdringend beim Eintritt.

Hunderte von Menschen drängten sich durch die dämmerige Enge des Einlasses. Ausnahmslos jede Tasche wurde mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Noch ein kurzer Fußmarsch um den Hügel: Dort hielten sie ihre ewige Wacht. Seit 3.000 Jahren bewachen die ägyptischen Götter die nubische Grenze des alten Reiches. Ramses II. ließ einst die Tempel von Abu Simbel am Südzipfel seines Reiches bauen. Schon damals musste alles - Werkzeuge, Farbe, Brot und Zwiebeln - in Karawanen mühsam an das Ende der Welt geliefert werden. Nur die Steine nicht. Die Tempel wurden direkt in den Fels hineingeschlagen.

Menschenleer und vergessen lagen die Stätten über viele Jahrhunderte, bis sie wiederentdeckt wurden. Jetzt erwacht jeden Tag für zwei Stunden der freie Platz vor den Tempeln zu quirligem Leben. Reiseführer versammeln ihre Gruppen um sich und erklären mit Hilfe von Fotografien die Hieroglyphen und Bilder, die das Dunkel im Tempelinneren bewahrt hatte.
Ich ging langsam zum Eingang des Tempels. Schlachtenszenen und abgeschlagene Köpfe zeigten Eindringlingen, was ihnen bevorstand, wenn Ramses mit seinem Streitwagen die Feinde Ägyptens besiegte, um sie der Göttin des Krieges zu opfern. Was würde der Pharao zu den modernen Eindringlingen sagen, die die heiligen Hallen in Massen stürmten?

Ich ging in die Tempel hinein, sah die Menschenmengen sich an den Wänden entlang schieben. Ich suchte Reste von Erhabenheit, doch fand ich nur weinende Kinder, dozierende Väter, staunende Bildungsbürger, fühlende Esoteriker - alles schob und drängelte, es blieb kein Raum für Stille und Besinnung.

Im Allerheiligsten saßen Ptah, Amun-Re, Ramses und Re-Harachte im Dunkel. Nur zweimal im Jahr, zur Sonnenwende, schien die Sonne einen kurzen Augenblick lang, wie einen Lidschlag der Ewigkeit, auf drei der Statuen. Jetzt erhellte ein Scheinwerfer die Kammer tief im Fels, damit die Besucher staunen konnten. Der Gestank nach ungelüfteter Wäsche, nach Schweiß und Deodorant, nach Schimmel und bereits hundertfach geatmeter Luft ließ mir den Raum immer kleiner werden. Rückten die Wände zusammen? Brauchten die Götter neue Nahrung?
Ich eilte hinaus, stolperte fast, geblendet vom Mittagslicht. In der Ferne glitzerte Wasser, kleine Wellen schlugen an steinige Ufer. Nichts wuchs rund um den See, der doch Leben spenden sollte und zur Bewässerung gestaut wurde. Ein Baum reckte schwarze, dürre Äste ins Himmelblau.


Im Mittagslicht auf der Rückfahrt sah ich, dass die Wüstenstraße wirklich von Kadavern gesäumt war: Zerfetzte Karkassen toter Reifen lagen zwischen Steinen, Geröll und Sand, waren der Jagd auf den Horizont mit maximaler Geschwindigkeit zum Opfer gefallen.