Freitag, 27. September 2013

Regensburg

Die Würstchenbude in Regensburg. 
Regensburg ist, so wie Bamberg, ein Weltkulturerbe. Die Kellnerin im Cafe schüttelt auf die Frage: Ob nur die Brücke mit der ältesten Wurstbude oder mehr zum Erbe der Weltkultur gehöre, mit dem Kopf: Das weiß ich nicht, da dürfen Sie mich nicht fragen.

Dom in Regensburg. Wo sind die Spatzen?
Eine Stadtführung hilft weiter:
Regensburg ist Weltkulturerbe, weil die Stadt im zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde, und es somit allein in der Innenstadt mehr als 1000 denkmalgeschützte Häuser aus 2000 Jahren Stadtgeschichte gibt.
Ein Spaziergang durch Regensburg ist wie eine Wanderung durch ein steinernes Geschichtsbuch - wenn man es denn lesen kann.
Vom römischen Soldatenlager zur Verteidigung der Grenze entwickelte sich die Stadt zu einer mittelalterlichen fürstlichen und bischöflichen Residenz, wurde als Metropole durch den Fernhandel reich dank ihrer verkehrstechnisch günstigen Lage an der Donau, war die am südlichsten gelegene protestantische  Reichsstadt – und weil sich in Regensburg die evangelischen und katholischen Einwohner seit 1542 versuchten, sich das Leben so schwer wie möglich zu machen, tagte hier 150 Jahre lang der immerwährende Reichstag.
Das war ein Glück, denn zu dieser Zeit war die Stadt arm: Der Handel hatte sich andere Wege gesucht. Dafür gab es in den alten adligen Residenzen viel standesgemäßen Platz für die Gesandten, welche von ihren Fürsten geschickt wurden oder als Vertreter der Reichsstände entsandt worden waren.

Die Frau Löschenkohl, Wirtschafterin, kam in das Rathaus, jammerte über schlechte Zeiten und suchte einen Gesandten, dem sie ihr Haus vermieten konnte, da ihr Mann vor seinen Schulden und ihr geflüchtet war und sie die Kinder alleine durchbringen musste. Drei Etagen ihres Hauses konnte sie wirklich doch noch vermieten – an den kursächsischen Gesandten.





Der goldene Turm

Einen Teil des südlichen Flairs von Regensburg geht von den hohen Patriziertürmen aus, von denen etwa zwanzig von einst mehr als sechzig noch erhalten sind. Wie in den norditalienischen Städten Perugia oder Capua, dort, wo sich Familien wie die von Romeo und Julia erbitterte Kämpfe lieferten, ragen in Regensburg Türme über den mittelalterlichen Häusern auf. Dank des Fernhandels mit Luxusgütern, wie Brokat und Pelze, Gewürze und Seide waren die Patrizierfamilien reich geworden. Und weil die Regensburger Handelsherren die ersten waren, die über die Alpen mit Waren zogen, brachten sie die südländische Lebensart mit zurück. Dienten jedoch die italienischen Türme zur Verteidigung, wurden die Regensburger rein zur Repräsentation gebaut: Meiner ist höher als deiner. Die Stadtresidenzen waren in den anliegenden Gebäuden, oft einer Vierseitanlage.

Schnupftabakfabrik in Regensburg
Die Industrialisierung im neunzehnten Jahrhundert setzte sich dagegen in Regensburg nur zögerlich durch, es gab nur wenige Manufakturen. Vor zweihundert Jahren entstand hier eine Schnupftabakfabrik. Für diese wurden zwei
getrocknete Tabakblätter vor der Verarbeitung
Patrizieranwesen zusammengelegt, und sie bestand bis zum Jahr 2000 in der Regensburger Innenstadt. 







Hier wurde der Tabak zerkleinert
Bei der Sanierung blieben drei Räume ursprünglich und es liegt der Duft nach Tabak in der Luft, so wie damals, als die Arbeiter in ihrer 14stündigen Arbeitszeit den Tabak rieben, ihn mit Schmalz und Aromen versetzten, bis er in Döschen an die Herren der gehobenen Stände verkauft werden konnte. 










Wie es aussah, wenn der Herr Direktorbei einem Glas Wein zu seiner Schnupftabaksdose griff? Das beschrieb Wilhelm Busch: Die Prise.










Datteln mit Marzipan, von Marie Schandri
Im Gasthaus zum Goldenen Kreuz – dort, wo die Kellnerin nicht wusste, was zum Weltkulturerbe in Regensburg gehört, liegt über dem Cafe der Kaisersaal. In diesem wurden die hochehrwürdigen Gäste, die hier einst residierten, in Medaillons an der Wand verewigt: Karl V., König Ludwig von Bayern, Kaiser Franz-Josef von Österreich – das war der mit Sissi - und Kaiser Wilhelm von Preußen. Marie Schandri
stürmte in den Kaisersaal, ein Tablett mit Pralinen in der Hand und jammerte, dass die hohen Gäste es so fürchterlich eilig hatten, dass sie noch nicht einmal probieren konnten: Zwar blieb Kaiser Wilhelm über Nacht, doch König Ludwig reiste bereits nach zwei Stunden wieder weiter. 
Nach einem Original-Rezept von Marie Schandri, deren Kochbuch inzwischen die 100. Auflage erlebt, gab es mit Marzipan gefüllte Datteln.

Ein Hinterhof bot einen Blick auf zwei weitere Türme und links davon ein weißes altes Haus: Hier zeigte die Stadtführerin auf einer schwarz-weiß Fotografie, wie es vor nicht allzu langer Zeit ausgesehen: In die Stadt kamen nach dem Ende des Krieges unendliche Ströme an Flüchtlingen: Regensburg war in den fünfziger Jahren nicht nur die am dichtesten besiedelte Stadt, sondern auch die am meisten heruntergekommene. Jedes fünfte Haus in Regensburg war vom Einsturz bedroht. In dem weißen Haus stürzte 1955 das Treppenhaus zusammen, glücklicherweise wurde niemand verletzt: Es musste endlich was passieren. Doch weil es bereits damals Menschen gab, denen es wichtig war, dass die alten Gebäude erhalten blieben, wurde saniert.

Regensburg hat somit viele verwinkelte Ecken und Höfe, durch welche die Straßen miteinander auf kurzem Wege verbunden sind. Aus den einstigen Hauskapellen der Patrizierhäuser wurden kleine Geschäfte. Regensburg ist keine City, die abends kalt und leer, aber auch kein Freilichtmuseum, in dem nur noch die Touristen unterwegs sind. In diesem Hinterhof geht es ins Keplerhaus:


Johannes Kepler hat hier zwar nicht gewohnt, er ist in Regensburg nur zu Besuch gewesen, doch er ist hier in dem Haus gestorben. Er hat das Wissen über den Glauben gestellt, die wissenschaftliche Wahrheit über die Lehre der Kirche.