Dienstag, 17. Juli 2012

Premium

Das lateinische Wort praemium heißt Belohnung, oder Beute. Welche Belohnung wartet auf mich, wenn ich den neuen Premium-Wanderweg laufe? Überhaupt, was qualifiziert einen Premium-Wanderweg dafür?
Heißt das, er ist besonders kuschelig und bequem, das Glück hängt quasi schon pflückbereit am Baum und wartet darauf, dass man es mitnimmt, vielleicht soll der Name dem zünftigen Wanderer schlicht suggerieren, er leiste sich selbst beim Laufen durch Feld, Wald und Flur etwas Besonderes?
Immerhin gibt es hier korrekte Beschilderung. Kurz vor Grandenborn parke ich das Auto an einer Kurve und gehe links bergauf. Für eine ganze Weile führt der Weg an Grenzsteinen entlang. Ich bin auf dem Schickeberg, sagt die Karte. Das links der Abgrund gähnt, wäre sicherlich übertrieben, aber an einigen Stellen ist der Weg schon eher ein enger Pfad, hangwärts geneigt und etwas rutschig. Trittsicheres Schuhwerk an den Füßen ist da sicher nicht verkehrt. Hin und wieder eine schöne Aussicht - doch dann begegnen sich Himmel und Erde, ganz wie vom Wetterbericht vorhergesagt: 
Es fängt an, zu regnen. Doch noch geht es stetig bergauf und die Jacke wird eher von innen denn von außen nass, auch dank des dichten Buchenblätterdaches über mir. Der schmale Pfad ist für einen dichten Wandergruppenpulk sehr ungeeignet, hier kann man nur in langer Gänsereihe hintereinander gehen, ohne miteinander zu schnattern.
Später wird der Weg karrenbreit und grün überwachsen, an einer Kreuzung ist eine Futterkrippe aufgebaut, an der man überdacht seinen rucksackwärts getragenen Proviant frühstücken kann.
Der Regen hat den Vorteil: Ich bin alleine unterwegs, außer Reh, Hase und Fuchs ist niemand hier. 
In Richtung Boyneburg macht der Weg ein extra-Schleifchen. Der Blick ins Tal ist regenschwer, durch das kniehohe hohe Gras werden die Hosenbeine bis weit über die Knie patschnass. 
Hohe Brennnesseln rund um die Boyneburg wollen mir das Drum-Herum-Streifen verwehren.
 Hinter der Burg heißt es aufpassen, denn der richtige, der Premium-Weg, zweigt rechts unscheinbar ab, kurz vor einem breit ausgebauten Waldweg. 
Am rechten Hang liegen Felsbrocken, flauschig grün mit Moos überzogen und wie zu einer wilden Sitzgruppe sortiert. 
Auch die Bäume haben sich dicke grüne Moossocken angezogen. 
Praktisch: Auch wenn der Pfad nur so schmal ist, dass man ihn einzeln gehen muss, bis jetzt ist er gut ausgeschildert, so kann man auch ohne Karte nicht fehlgehen. Übersichtstafeln hängen gelegentlich an Bäumen und rote Punkte darauf künden jeweils: Bis hierher bist du, Wanderer, schon auf dem Weg gekommen.
Aus dem Wald heraus reicht der Blick weit über kleine Felder und ein Dorf. Ein Schlenker scheint nur des Ausblickes wegen den Weg zu zieren. Was hier fehlt, ist ein Schild über dem Ort, wo der Name praktisch auf den Himmel projiziert wird. 
Der Weg führt nach Grandenborn, durch Grandenborn und am Teichhof vorbei, direktemang. Enten liegen am Teich faul im Gras, wissend: Ihnen passiert nichts. 
Hinter Grandenborn verliere ich den Weg immer mal wieder und weiß nicht, ist er jetzt nur nicht mehr so bequem beschildert, oder bin ich zu unaufmerksam. Es geht durch Felder, an bunten Blumen vorbei, Ziegen, Kühe, Pferde gucken zu, wie ich laufe.
 




Vor Breitau geht es noch einmal steil hoch, jetzt ist links ein richtiger Abgrund und hoch oben über der Klippe steht eine Bank zum Ruhen, bevor es wildromantisch weiter geht. Leider sind dann einige Wege ziemlich zerfurcht, weil Bäume gefällt und transportiert wurden.
 



Irgendwann bin ich wieder zurück am Auto und es geht heim. Zerzaust, nass, schlammig - und glücklich. Aber dafür hätte der Weg auch nicht unbedingt premium sein müssen. Ganz normal hätte auch genügt. Schön war es.