Dienstag, 10. Januar 2012

Leben in der Provinz

Das Leben in der Provinz hat einen entscheidenden Vorteil: Man braucht sich nicht reflektiv mit sich selbst zu beschäftigen - man kennt ja in der Provinz die Nachbarn und kann deren Handeln und deren Neigungen und deren Aussehen beurteilen, mit anderen bekakeln - kurz: klatschen.

Dazu muss man den Nachbarn, den Anderen, den Kunden, den Mit-in-der-Schlange-Steher, den - ja, auch den Freund - wenigstens kennen, wissen, in welche Familie er gehört: "Schon der Großvater hat nichts getaugt, hat geklaut und gelogen - kein Wunder, dass aus dem Enkel bei den Vorfahren einfach nichts werden kann." Dann mischen sich küchenpsychologische Kenntnisse mit viel Neugier und Wichtigtuerei: "Ich weiß was über meine Nachbarin"., dann kommen Ungeheuer heraus, gegen die das vom Loch Ness wahrscheinlich ein Kuscheltier ist. 

Provinz.
Was ist Provinz?
Ich kenne die Menschen, denen ich auf der Straße begegne, werde gegrüßt, grüße zurück, werde beobachtet und beobachte selber, wähle meine Orte, zu denen ich gehe danach aus, welchen Menschen ich begegnen oder lieber nicht über den Weg laufen will.

Das Beste an einer Kleinstadt, singt Lou Reed, ist das todsichere Gefühl, dass du so schnell wie möglich wegwillst. 

Doch ich lebe gerne in der Provinz (aber nicht in der, in der ich aufgewachsen bin), genieße die Langsamkeit und Ruhe und Beschaulichkeit. Ich brauche nicht jeden Tag eine neue Aufregung.