Iris zog den schwarzen Pullover über, bevor sie Klaus-Peter zum Essen folgte. Sie häuften am Buffet Dinge auf ihre Teller und aßen, die Köpfe gesenkt. Iris blickte auf. Seine Augenbrauen bildeten einen dicken Strich über der Nasenwurzel. Sie legte ihr Besteck beiseite.
„Schon fertig?“ Klaus-Peter schnitt einen Bissen vom Steak und stoppte mit der Gabel kurz vor dem Mund: „Kannst Du nicht ein bisschen langsamer essen?“
Iris schob mit der Gabel die Reste auf dem Teller zu einem kleinen Haufen zusammen und kratzte Muster. Sie hasste es, wie Klaus-Peter das Essen auf seiner Gabel so hoch türmte, dass immer etwas zurückfiel. Und sie hasste es, wie er den Mund aufriss - wie eine Schlange, die einen zu großen Brocken in sich hineinwürgen will, dachte Iris. Als Klaus-Peter den Teller mit dem Fleisch sauber wischte, stand sie auf.
Iris hatte gerade die Restauranttür erreicht, da legte Klaus-Peter den Arm um ihre Schulter: „Wir sind hier im Urlaub, meine Liebe.“
Iris wusste, was kam: Dass sie unfähig sei. Unfähig zur Hingabe, unfähig, das Essen richtig zu genießen: „Merkst du eigentlich, was du isst?“
Klaus-Peter fischte eine Zigarette aus der Schachtel: „Hol unsere Handtücher, wir gehen zum Strand.“ Er setzte sich: „Und zieh diesen schwarzen Pullover aus.“
Iris war müde. In dem engen und heißen Hotelzimmer war an Schlaf nicht zu denken, wenn Klaus-Peter meckerte. Es ging immer um dasselbe: Sex, ihr Aussehen, ihr Gewicht. Er musste doch nicht in diesem Körper leben, das Mitleid der Anderen und den Anblick des Spiegelbildes ertragen. Warum begriff Klaus-Peter nicht, dass sie nach solchen Gesprächen keinerlei Lust hatte – weder auf ihn, noch auf sonst irgendwas in der Welt?
Iris wünschte sich Ruhe, wollte einfach nur schlafen. Als gäbe es die Hoffnung, in einer besseren Welt aufzuwachen.
Am Strand legte sich Klaus-Peter bäuchlings auf das Handtuch, schloss die Augen und bedeckte den Kopf mit seinem Sonnenhut. Iris verteilte Creme auf seinem Rücken. Klaus-Peter sollte keinesfalls mit Sonnenbrand ins Büro gehen.
Iris schlenderte ein Stück am Strand entlang. Sie war zum ersten Mal am Meer und hatte sich noch nicht ins Wasser gewagt. „Wie eine bleierne Ente“, hatte die Lehrerin einmal beim Schulschwimmen zu ihr gesagt, als Iris wie eine ertrinkende Katze durch das Wasser paddelte. Kleine Wellen trieben das Chlorwasser bei jeder Bewegung in ihre Nase. Iris krallte sich an der Stange des Schwimmmeisters fest und ließ erst los, als sie auf den buckeligen Betonplatten stand, die rund um das Schwimmbecken lagen.
Am Strand krempelte Iris ihre Hose hoch und ging ein Stückchen ins Wasser. Lauwarme Wellen an ihren Waden. Iris kehrte um. Sie zuppelte an ihrem neuen Badeanzug. Klaus-Peter rührte sich nicht. Iris setzte sich an den Ufersaum. Jede Welle spülte ein bisschen Sand unter ihr weg. Iris gefiel die Leichtigkeit, mit der sie zu treiben schien.
Ihre Schwere kehrte zurück, als sie aus dem Wasser stieg. Klaus-Peter hatte sich inzwischen gewendet: „Wo warst du denn?“, knurrte er und hielt ihr die Sonnencreme entgegen. Während Iris mit ihren Händen die Mousse auf seiner Brust verrieb, erinnerte sie sich an die Zeit, in der es noch zärtliche Berührungen gegeben hatte. Das alles war vorbei. Jetzt griff Klaus-Peter nur noch unter ihre Bettdecke, rieb kurz an ihren erogenen Zonen – oder was er dafür hielt – und zog sie auf sich. Iris bewegte sich, atmete für ihn hörbar und war froh, wenn sie sich wieder auf ihre Bettseite trollen konnte.
„Meine Traumfrau ist sie nicht gerade“, hatte Klaus-Peter neulich zu seinem Vorgesetzten gesagt, als er dachte, sie könne ihn nicht hören.
Kurz danach hatten sie ihren Urlaub geplant, vielmehr: Klaus-Peter hatte den Aufenthalt in der Ferienanlage gebucht. Er wolle entspannen und Iris freute sich: Vielleicht würde es ohne Museumsmarathon und Vorträge zu kulturhistorischen Begebenheiten abgehen. Aber es kam wie immer: Klaus-Peter hielt Vorträge. Nicht über Stilrichtungen in Malerei und Architektur, Iris war das Thema. Ihre Art zu gucken, zu gehen, sich anzuziehen, nichts war ihm mehr recht.
Nach dem Abendessen schlug Klaus-Peter vor, eine Flasche Wein zu trinken: „Aber zieh dich vorher um.“ Iris ging zum Zimmer und stand vor dem Kleiderschrank. Beim Ausziehen schloss sie die Augen, als sie sich zur Schranktür drehte: Nur das Spiegelbild nicht sehen. Sie wäre zu viel Frau, hatte Klaus-Peter neulich gesagt. Iris wählte ein weites Kleid und raffte es über den Hüften zusammen. Vielleicht würde doch noch alles gut.
Klaus-Peter saß in einem tiefen Sessel bereits mit einem Glas Rotwein in der Hand: „Wo bleibst du denn?“
„Ich“
„Jaja, schon gut“, er winkte ab und schenkte ihr ein: „Prost!“
Iris stieß vorsichtig an, schaute ihm dabei in die grauen Augen, die ihr einst Schmetterlinge in den Bauch zauberten.
Klaus-Peter rüffelte: „Was guckst du so?“
„Nichts“, sagte sie rasch: „Ich dachte, an deinem Kinn wäre ein Krümel.“
„Du kannst mir gratulieren“, Klaus-Peter trank, stellte das Glas ab und lehnte sich zurück: „Nach unserem Urlaub bin ich Abteilungsleiter. Sonnemann nimmt noch Urlaub, bevor er in Pension geht.“
Iris schwieg und Klaus-Peter sagte: „Jetzt hast du es geschafft.“
„Was meinst du denn damit?“
„Guck dich doch mal an: Sieht so etwa eine Frau vom Chef aus?“
Iris wollte nicht heulen, nicht vor Klaus-Peter und nicht vor den anderen Gästen. Sie nahm das Glas und schluckte die Tränen mit dem Wein hinunter.
„Ich bin gleich wieder da.“ Iris stand auf. Dabei kippte ihr Weinglas und Klaus-Peter hatte einen Fleck auf seiner Hose. Er sprang auf und suchte den Kellner.
Iris ging zum Strand. Das Meer lag ruhig, die Wellen verliefen sich im Sand. Entfernt ragten große Steine aus dem Wasser. Am Nachmittag hatten hier Kinder gespielt. Sie watete tiefer und tastete sich voran. Die Steine waren nicht mehr weit entfernt. Ihr gefiel das sanfte Schaukeln der Wellen, bis sie den Halt verlor und mit beiden Händen suchte, aber nichts fand, an dem sie sich festhalten konnte.
Der Polizeibericht vermerkte, dass am 25. Mai 2009 eine voll bekleidete weibliche Leiche an den Strand gespült worden sei. Es handele sich um die vermisste deutsche Touristin. Alter: 32 Jahre, Haarfarbe: blond, Größe: 173 cm, Gewicht 46,8 kg.
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