Freitag, 6. Mai 2011

Ich bewerbe mich

Ich bewerbe mich:
Ich werbe für mich
, ich stelle mich auf einen Sockel und zeige, wie supertoll ich bin oder sein könnte, wenn man mich nur ließe.

Für die meisten Dinge, die im Leben zu meistern sind, bewirbt man sich nicht:

Man stellt sich nicht im Babyhimmel vor und erzählt, was man alles plane, dass das Gör noch mit Windel Geige und Chinesisch lernen dürfe oder dass der künftige Sohn nichts zu tun brauche, man sich um alles kümmere und ihnen auch im zarten Alter von dreißig Jahren selbstverständlich die Socken hinterher räume, weil ihnen solch eine Anstrengung ja nicht zuzumuten sei.

Nein, viele Dinge, die im Leben zu meistern sind, für die gibt es weder eine Ausbildung, noch eine Prüfung und eben: Auch keine Bewerbung. Die Dinge erwischen einen quasi hinterrücks.

Man bewirbt sich zwar irgendwie bei seinem Lebensabschnittspartner, flirtet, wirbt für sich und vielleicht findet er mich schön und nett und kochen kann ich auch ganz gut - aber wie so ein Leben zu zweit mit Kompromissen und Verhandlungen, Geduld und Liebe über Jahre gehen soll - oder ob man zwischendrin kündigt und sich mal eben bei einem anderen neu bewirbt, das passiert irgendwie und ungeplant. Das passiert, ohne dass man einen Lebenslauf schreibt und erklären muss, warum man nun diesen Job haben möchte, wo man sich zanken und streiten kann, über Katzen und Socken stolpert - aber gleichzeitig unterwegs zu sich und zum anderen ist.

Ich bewerbe mich nicht. Die Dinge, denen ich nicht entkommen soll, die erwischen mich trotzdem. Ich finde es wichtiger, achtsam zu sein, als für mich zu werben, wie ein Flummi auf und ab zu hüpfen, damit mich andere bemerken.
Achtsam zu sein: Auf den richtigen Moment, auf den Moment, wenn Chairos gut geölt und glatt rasiert vorbeiflitzt. Dann kann ich ihn blitzschnell an seinem Zopf packen, bevor er wieder entschwindet.

Dafür wäre eine Bewerbung viel zu langsam. Und die Gelegenheit vorbei, Chairos auf und davon.
Und ich könnte mich danach hinsetzen und das immerwährende Lied der verpassten Gelegenheiten singen: Hätte ich doch nur und wenn ich damals nicht...

Schuld sind dann aber immer nur die anderen.